Sexueller Missbrauch durch Kleriker – Hinweise zur Geschichte einer verdrängten und verleugneten katholischen Tradition.
Von Christian Modehn. Das ausführliche Kapitel B wurde am 22.7.2023 veröffentlicht. Das Kapitel A wurde am 28.10.2026 veröffentlicht.
EIN VORWORT:
Der sexuelle (und, neues Thema: spirituelle) Missbrauch durch katholische Priester und Ordensleute ist eine Art lange andauerndes, d.h. „chronisches Verbrechen“ in dieser Kirche: Es weist in die Geschichte der Kirche, etwa seit der mittelterlichen Zeit, als das Zölibatsgesetz verpflichtend wurde. Diese in die Weite führende historische Dimension wurde bislang ignoriert, gern übersehen, zumal auch die Kirchenführung entsprechende Dokumente vernichtete…. Theologen und Zeit – Historiker haben jetzt noch genug zu tun, die aktuelle Gegenwart dieser klerikalen Verbrechen mit Mühe und gegen viel Widerstand von offizieller Seite freizulegen. Denn noch tun sich viele führende Kleriker, Bischöfe, Ordensobere (in Polen, Italien, in Afrika, Lateinamerika usw….) sehr schwer, sich ihrer eigenen dunklen Vergangenheit in aller Wahrhaftigkeit zu stellen und .. vor allem: die Opfer zu hören, wahr-zunehmen und für ihre Leiden, … ja was denn.., „gerecht zu entschädigen“?
Unsere Prognose ist: Solange der Klerus die katholische Kirche nach wie vor beherrscht, wird sich die objektive Wahrheit nicht freilegen lassen, zu groß ist Widerstand, „dass der Klerus in ein schlechtes Licht gerät“… Die Konsequenz nachdenklicher KatholiKinnen in Europa ist jetzt schon dokumentiert: Dann sollen die Kleriker als letzte auch das Licht (in ihrer klerikalen, dogmatischen Kirche) ausmachen…
KAPITEL A:
Pater Klaus Mertes SJ (Berlin) hat seit 2010 dafür gesorgt, dass sexueller Missbrauch durch Kleriker auch in Deutschland Thema öffentlicher Debatten und Forschungen und damit notwendiger Kirchenkritik wird. Das ist eine großartige, mutige Leistung!
Als Redakteur der Jesuiten -Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ weist Pater Mertes jetzt in einem kurzen Beitrag für diese Zeitschrift, Ausgabe November 2026, auf heftig verdrängte Fakten der Kirchengeschichte Deutschlands im 20.Jahrhundert hin. Pater Mertes erinnert, von den Arbeiten des bekannten Historikers Götz Aly angeregt, an die Rede des katholisch erzogenen Nazi-Führers Joseph Goebbels in Berlin am 28.Mai 1937: In seiner Rede, im Radio übertragen, sprach Goebbels von der „sittlichen Verkommenheit des Klerus“. Pater Mertes schreibt in dem genannten Beitrag: „Es ist schwer zu ertragen, diese Rede zu lesen, aber doch nötig, sie nicht bloß abzutun… Zum Gesamtbild gehört eben auch die jüngst noch einmal bestätigte Erkenntnis, dass „trotz starker Verkürzungen, Übertreibungen und gelegentlich grober Verfälschungen … die Zeitungsberichte (+ber Goebbels Reden, CM) in aller Regel einen wahren Kern“ enthielten. Dieser Kern ist schlimm genug. Goebbels prangerte in der genannten Rede auch die Vertuschungsmechanismen innerhalb des (klerikalen, CM) Systems an. Sie gehören bekanntlich zum Phänomen des sexuellen Missbrauchs zu allen Zeiten dazu. Goebbels schimpfte darüber, dass die katholische Kirche bloß „bedauerliche Einzelfälle“ einräumte. Er brandmarkte die Praxis der kirchlichen Autoritäten, Täter in andere Pfarreien zu versetzen oder sie sogar aus dem Gemeindedienst herauszunehmen, um in Erziehungsanstalten für Jugendliche weiterzuwirken… Zu den wenigen selbstkritischen kirchlichen Stimmen gehörte der Bischof von Münster, Kardinal Clemens Graf von Galen. …Warum ist der Hinweis auf diese Dinge für heute wichtig? Zum einen wird deutlich, dass sexueller Missbrauch wie überall, so auch in der katholischen Kirche kein jüngeres Phänomen ist, wie immer noch einige behaupten. Vielmehr hat er samt den typischen Vertuschungsstrategien eine lange Tradition.“
KAPITEL B:
1.
Die sexuelle Missbrauch durch katholische Kleriker ist kein neues Ereignis des 21. Jahrhunderts. Es wird Zeit, einige historische Tatsachen öffentlich zu machen. Und zu zeigen, dass der Schutz der angeklagten Kleriker immer schon vorrangiges Ziel der Hierarchie war.
2.
Die Kirchenführung und die Theologen hatten – spätestens seit Einführung des Zölibatsgesetzes im 12. Jahrhundert – das abstrakte Ideal eines keuschen, und deswegen (!) heiligen Klerus vor Augen. Aber von pädosexuellem Missbrauch durch Kleriker sind bis ins 20. Jahrhundert eher wenige Dokumente überliefert. In seiner Studie über die Geschichte der Sexualität des Klerus spricht der Spezialist, der Historiker Georg Denzler, nur undifferenziert von „Homosexualität im Klerus“. Das Thema der so genannten „Pädophilie“ bzw. „Pädosexualität“ unter Priestern und Ordensleuten wird nicht eigens erwähnt. Dabei ist klar, dass das Wort „Pädophilie“ erst Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wird. Aber es liegt nahe, dass „Pädophilie“ auch „mit-gemeint“ ist, wenn etwa Konzilien von „Sodomie“ im Klerus sprechen, wie etwa das III. Laterankonzil schon im Jahr 1179. Dort wurde in Kanon 11 bestimmt: Wenn ein Kleriker der „Unzucht wider die Natur verfallen ist, dann soll er aus dem Klerus ausgestoßen und in ein Kloster verbannt werden, um dort Buße zu tun“. (Quelle: Der Sammelband „Kreuzfeuer“, München 1991, darin der Beitrag von Prof. Denzler, zit. S.106.).
Man erinnere sich: Nur eine sehr milde Strafe fiel auch Papst Benedikt XVI. ein, als er den bekannten pädosexuellen Verbrecher, den Ordensgründer der „Legionäre Christi“, Pater Marcial Mariel, aller seiner hohen Funktionen zwar enthob, aber ihn NICHT den Gerichten übergab, sondern ihn in ein Kloster zur Buße schickte, aus dem sich der Verbrecher nach Florida (USA) flüchtete…LINK
Frühes Mittelalter: Der heilige Petrus Damiani.
3.
Zunächst muss der heilige Petrus Damiani (geboren 1006 in Ravenna – gestorben 1072 in Faenza, Italien) vor allem wegen seines Buches „Liber Gomorrhianus“ („Das Gomorrah Buch“) aus dem Jahr 1050 erwähnt werden.
Petrus Damiani war Mitglied eines Eremitenordens innerhalb der benediktinischen Tradition, er war Theologe, später auch Bischof von Ostia und dann auch Kardinal. In dieser Funktion setzte er sich leidenschaftlich für eine strenge Kirchenreform vor allem für eine „moralische Reinigung“ des Klerus ein. Er zog sich aber im Jahr 1061 aus der Kirchenpolitik in ein Kloster zurück, frustriert angesichts der fortbestehenden „amoralischen Zustände“ im Klerus. „Vielleicht war damals das `Laster` (gemeint ist Homosexualität im allgemeinen) unter dem Klerus so weit verbreitet, dass ein energisches Durchgreifen, wie Petrus Damiani es für notwendig hielt, zu einer spürbaren Dezimierung des Klerus geführt hätte“, so Prof. Denzler, a.a.O. S . 105.
4.
Im Titel seines Buches nimmt Petrus Damiani Bezug auf den alttestamentlichen Mythos von Sodom und Gomorra, in diesem Buch verurteilt Petrus Damiani offenbar auch pädosexuelle Praktiken durch Priester, selbst wenn er diesen Begriff nicht verwendet. Petrus Damiani spricht im 8. Kapitel seines Buches vom Umgang des Beichtvaters mit seinen „spirituellen Söhnen“, die vom Priester selbst missbraucht wurden. So Pierre J. Prayer in seinem Buch, „Book of Gomorrah: An Eleventh-Century Treatise against Clerical Homosexual Practices“, Publisher: Wilfrid Laurier University Press, located in Waterloo, Ontario, 1962. LINK
Im katholischen „Dom-Radio“ (Köln) schreibt Anselm Verbeek am 23.2.2022: „Gegenüber Papst Leo IX. prangerte Petrus Damini,`das höchst unflätige Leben im Klerus` an. Er empörte sich über `Unzucht und Missbrauch von Minderjährigen unter dem Deckmantel der Religion`.“
5.
Aber der Heilige empfiehlt dann die in Klerikerkreisen übliche Geheimhaltung des Missbrauchs: In einem Schreiben an Papst Nikolaus II. behauptet Petrus Damiani: „Würde die Unzucht bei den Priestern geheim betrieben, so sei es zu ertragen, aber die öffentlichen Konkubinen, ihre schwangeren Leiber, die schreienden Kinder, das sei das Ärgernis der Kirche“, berichtet wikipedia.
6.
Die Hinweise des Petrus Damiani zu sexuellem Missbrauch an „Spirituellen Söhnen“ dienten nicht der Aufklärung in der damaligen klerikal bestimmten Gesellschaft. Sie sind dem Autor Petrus Damiani wichtig, weil er jegliche praktizierte Sexualität, mehr noch: jegliche Akzeptanz von Leiblichkeit im Klerus aufs schärfste verurteilt. 1828 wurde Petrus Damiani zum katholischen Kirchenlehrer ernannt worden und zu einem Heiligen, den übrigens Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. explizit lobte, etwa am 9.9. 2009 in einer Ansprach der W“Generalaudienz“… Petrus Damiani gilt heute als der radikale Feind jeglicher Sexualität außerhalb der Ehe.
7.
Es ist ein Beleg für die Oberflächlichkeit katholischer Theologie und katholischer Geschichtsforschung, wenn in dem durchaus repräsentativen umfangreichen Band „Reformer der Kirche“ (Mainz 1970) ein Beitrag des katholischen Theologen und Historikers Jean Leclercq über Petrus Damiani erscheint. Und darin mit keinem Wort dessen Buch „Liber Gomorrhianus“ erwähnt wird (S. 540 f.). Hingegen wird berichtet: Er sei „ein Fürsprecher der freiwilligen Geißelung“ gewesen (S. 541) und habe diese Form des frommen Masochismus auch selbst praktiziert.
Dieser strenge Masochist wird heute in der katholischen Kirche offiziell als „Patron und Helfer gegen Kopfschmerzen“ verehrt, so der Wikipedia Beitrag (Deutsch) über Petrus Damiani.
Missbrauch im Orden der Schulpriester, auch „Piaristen“ genannt, im 17. Jahrhundert.
8.
Der sexuelle Missbrauch durch Priester hat eine lange Tradition auch im 17. Jahrhundert. Sie wird deutlich greifbar in der umfassenden historischen Forschung von Karen Liebreich, sie studierte die Frühgeschichte des Ordens der „Piaristen“, der „Schulpriester“, gegründet vom heiligen Joseph Calasanz, 1617 von Papst Paul V. offiziell in Rom als Orden bestätigt. Calasanz lebte von 1557 – 1648.
Die Historikerin Karen Liebreich hat im Jahr 2004 ihre Studie „Fallen Order“ in New York, publiziert. Sie hatte Zugang zu entsprechenden Archiven in Rom, Florenz usw… Der Orden der Schulpriester hatte sich zu Beginn vor allem für den Unterricht armer Kinder (Jungen) in eigenen Ordensschulen engagiert. Und unter den Lehrern, den Ordenspriestern, sammelten sich bald – bei dieser „Spezialisierung“ auf den Unterricht von Knaben – tatsächlich Pädophile. „Bekannte pädophile Priester wurden von einer Ordens – Schule der Piaristen in die andere versetzt und so wurde Ihnen Zugang zu Kindern ermöglicht. „Der Ordensgründer Calasanz wusste doch, was geschieht, wenn Männer und Jungen miteinander allein gelassen werden, seine Schriften und seine Regeln für die Schule zeigen das“, schreibt Karen Liebreich auf S. 269. Aber die pädophilen Priester im Orden vernetzten sich, versuchten erfolgreich, Einfluss und Macht im ganzen Orden zu gewinnen: „Der Ordensgründer Joseph Calasanz wusste, was da an Missbrauch geschah, ebenso wie die Kardinäle, die Bischöfe und letztlich auch der Papst“ (ebd.). „Aber der Skandal der pädophilen Schulpriester wurde ignoriert, um den Ruf eines wichtigen Klerikers mit einflußreichen familiären Beziehungen zu schützen“. Und der Ordenspriester Stefano degli Angeli Cherubini (geb. 1600) wurde sogar noch mit vollem Wissen des Papstes sogar im Jahr 1643 oberster Chef des Ordens.
9.
Der Ordensgründer Calasanz deckte den pädophilen Verbrecher nun auch als seinen Vorgesetzten im Orden. „Kindesmissbrauch durch Ordenspriester wurde von Calasanz ignoriert und „zugedeckt“, und in jedem Fall „war immer seine erste Priorität der gute Rufe des Ordens und die Reputation der betroffenen Mitbürger“ (S. 257). „Erst als die Tatsachen auch in der Öffentlichkeit bekannt wurden, wurde der Orden der Schulpriester als Orden verboten, eine noch nie dagewesene Aktion der Kirche“ (ebd.). Das geschah 1646, immerhin hatte Papst Innozenz X. den Mut, einen von pädophilen Klerikern durchsetzten Orden zu verbieten. Aber 10 Jahre später konnte der Orden natürlich mit päpstlicher Erlaubnis (durch Alexander VII.) seine Aktivitäten wieder aufnehmen… Die „Schulpriester“, Piaristen, haben seitdem eine nach außen hin erfolgreiche Geschichte mit vielen prominenten Schülern…oft als Konkurrenz zu den Jesuiten bewertet…
Roland Machatschke (Wien), Journalist und Mitarbeiter der Wiener Piaristen, hat einen ausführlichen Vortrag über die frühe Geschichte des Piaristen-Ordens veröffentlicht: LINK
10.
In dem umfassenden Lexikon „Reformer der Kirche“ (hg. von Peter Manns, Mainz 1970), wird in dem Beitrag über den heiligen Joseph Calasanz, Seite 904-907) mit keinem Wort der sexuelle Missbrauch etwa durch Pater Cherubini erwähnt. Er wird nur als ein „Ehrgeiziger“ beschrieben, der „reiche Gönner hatte“ (S. 906). Als Ordensgeneral (1643) wurde Cherubini entlassen, aber die Autorin Hilde Firtel nennt als Grund nur „Unterschlagungen“, nicht sexuellen Missbrauch. Der Herausgeber Peter Manns, Mainz, war Professor für Kirchengeschichte in Mainz… er galt als „katholischer Luther-Spezialist“…
11.
Zu einer Auflösung eines korrupten Ordens waren die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus nicht bereit oder nicht in der Lage, wegen der pädosexuellen Verbrechen Pater Marcial Maciels, des Gründers des Ordens „Legionäre Christi“, diesen Orden zu verbieten und aufzulösen; eine treffende Idee, die vielfach von den Opfern Pater Maciels öffentlich, aber wie zu erwarten, erfolglos vorgebracht wurde… Aber der Einfluß dieses Ordensgründers unter den Kardinälen, seine öffentlich bekannte, enge Freundschaft mit Papst Johannes Paul II., sein bekannter finanzieller Reichtum, seine vielen einsatzbereiten jungen Priester usw. …all dieses verhinderte die Auflösung dieses von vielen für korrupt gehaltenen Ordens…Verschiedene Studien zu den „Legionären Christi“:
LINK
Missbrauch im „Merzedarier-Orden“ im Spanien des 17. Jahrhunderts
12.
Über einen pädosexuellen Ordenspriester im Spanien des 17. Jahrhunderts liegt eine kleine historische Studie vor, sie hat Prof. Raphael Carrasco verfasst unter dem Titel „Sodomiten und Inquisitoren im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts“. Die Studie ist erschienen in dem Sammelband „Die sexuelle Gewalt in der Geschichte“, hg. von dem Historiker Alain Corbin, Wagenbach Verlag, 1992, dort S. 45-58. Die französische Ausgabe erschien 1989. Das Buch ist auf Deutsch nur noch antiquarisch verfügbar…Raphael Carrasco (Montpellier) geht der Frage nach: Wie konnte sich ein hoher Kleriker, des sexuellen Missbrauchs angeklagt, im Spanien des 17.Jahrhunderts aus der Affäre ziehen, nur weil er ein Kleriker war und „der gute Rufe der Kirche bewahrt werden musste“.
13.
Prof. Raphael Carrasco stellt in seinem Aufsatz den sexuellen Missbrauch eines Mönchs zunächst in den größeren Zusammenhang der Homosexualität (damals Sodomie genannt) im „Inquisitionsbezirk Valencia“ im 16. und 17. Jahrhundert. Schon 1497 hatten die „Katholischen Könige“ dort für Sodomiten die Strafe des Feuertodes festgelegt. In einem grundlegenden Text der katholischen Könige heißt es: „Es handelt sich um die Bestrafung des abscheulichen Delikts, das schon der namentlichen Erwähnung unwürdig ist; das Delikt zerstört die natürliche Ordnung, es wird durch Gottes Urteil gestraft, etwa durch Pestilenzen und andere Plagen“ (S. 46).
Im Gericht von Valencia war mit „19 Prozent der wegen Sodomie Angeklagten die Gruppe der Kleriker mit Abstand der höchste Anteil…Von 1575 bis 1590 wurden in Valencia vier Kleriker verbrannt, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden schwere Strafen gegen Kleriker, Galeere und Zwangsarbeit, verhängt“ (S. 54).
14.
Auch damals setzte sich der Schutz der Kleriker als oberstes Prinzip im Umgang mit sexueller Gewalt durch Priester durch: „Das Tribunal handelte allerdings mit äußerster Vorsicht, denn die verschiedenen Orden zeigten sich in der Verteidigung ihres guten Rufes ganz besonders aktiv“ (S. 54). Die Orden behaupten damals schon, sie müssen zuerst und vor allem ihre Mitglieder schützen … und nicht die Opfer…
15.
Raphael Carrasco konzentriert sich dann in seinem Aufsatz auf den Fall des Paters Joan Nolasco Risón aus dem Orden der „Merzedarier“ (dieser Orden besteht noch heute mit der Ordensabkürzung O.de.M.).
Pater Joan Nolasco Risón war Novizenmeister, also offiziell zuständig für die die Förderung der Spiritualität der jungen Männer, die damals im Alter von 16 Jahren in die Orden als Kandidaten und mögliche Mtglieder eintraten. „Der Novizenmeister hatte in seinem Konvent unaufhörlich und erfolgreich sexuellen Druck auf die jungen Leute ausgeübt, die ihm anvertraut waren“.
Pater Nolasco Risón hatte in seinem Kloster durch seine offensichtlichen „Aktivitäten“ eine Spaltung bewirkt: Es gab seine Komplizen, „die er anderswo auf günstigen Posten unterbrachte und die bis dahin seltsame Vorrechte genossen, und auf der anderen Seite die Reinen, die Schamhaften, Empörten sowie alle, die verfolgt und tyrannisiert wurden, weil sie dem Werben des Meisters widerstanden hatten“ (S. 55).
Es gab etwa einen kritischen Ordensbruder, Pater Jeronimo Ramirez, der dem sexuellen Missbrauch des Paters Nolasco Risón Einhalt gebieten wollte. Und was passierte? Der ganze Orden wollte den „guten Ruf“ bewahren, man beeinflusste den kritischen Pater Jeronimo Ramirez und versuchte, ihn zu überzeugen, doch bitte den prominenten Mitbruder im Orden nicht zu denunzieren. Aber die sexuell missbrauchten Novizen rebellierten. Und was tat der Beschuldigte? Pater Risón „versuchte die Novizen mit einer heftigen Rede voller unterschwelliger Drohungen einzuschüchtern“. (S. 55). Aber die Einschüchterungen nützen nichts. Die Inquisition hatte die Novizen zu Zeugenaussagen vorgeladen. „Diese Zeugenaussagen sind heute eine ganz außergewöhnliche Quelle für das Leben in den Novizinnen der Klöster am Ende des 17. Jahrhunderts.“ (S. 55).
16.
Die kirchliche Inquisitionsbehörde gab aber 1687 dem staatlichen Gericht die Zustimmung, Pater Risón (damals 54 Jahre alt) zu verhaften, allerdings „unter größter Geheimhaltung“, betont der Autor des Aufsatzes Raphael Carrasco (S.55). Wie zu erwarten: „Der Prozess gegen Pater Nolasco Rison versandte im Ermittlungsverfahren. Der Oberste Rat (der Inquisition) dachte, die zwangsläufig skandalöse Arznei, also die Bestrafung des Paters – sei schlimmer als die Krankheit (der sexuelle Missbrauch von Kindern“, S. 55. Der Verbrecher wurde also frei gesprochen, er war danach ein beliebter Prediger, im Jahr 1700 ist er verstorben.
In einem Lexikon Beitrag der „Königlichen Akademie der Geschichte“ in Madrid (verfasst von Manuel Alvar Lopez) ist von den Verfehlungen des Priesters Risón keine Rede.
Missbrauch durch einen Jesuiten im Frankreich des 18. Jahrhunderts
17.
Es geht um den Missbrauch durch den Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard (1680-1733). Er wurde 1731 angeklagt, das Mädchen Marie-Cathérine Cadière im Beichtstuhl zum Sex verführt zu haben mit späterer Anstiftung zur Abtreibung. Der Skandal war damals in Frankreich sehr oft besprochen worden. “Die Aussagen anderer Beichtkinder Girards stützten die Anklage, doch wurde der Angeklagte am 10. Oktober 1731 in Toulon freigesprochen. Er musste allerdings in seine Geburtsstadt Dole zurückkehren, wo er bereits zwei Jahre später starb“ (Quelle: Wikipedia Beitrag, deutsch, über Jean-Baptiste Girard).
18.
Der philosophisch gebildete Schriftsteller Jean-Baptiste d` Argens ( 1703-1771) hatte über dieses Ereignis einen dicht am Ereignis orientierten Roman geschrieben, er wurde 1748 veröffentlicht unter dem Titel „ Thérèse Philosophe. Memoiren zu Ehren der Geschichte von Pater Dirrag und Mademoiselle Eradice“. Es wird darüber debattiert, ob d` Argens tatsächlich der Autor des Romans ist. Der Marquis de Sade war hingegen von d` Argens als Autor überzeugt. Der Romanautor hatte den Jesuitenpater dann Dirrag genannt, die Leser damals wussten, wer gemeint ist.
19.
Der Historiker und Spezialist für die Literatur im Frankreich des 18. Jahrhunderts Robert Darnton hat diesen Roman als pornographischen Text gewürdigt. (Quelle: „Denkende Wollust“, Frankfurt am Main 1996, S. 7 – 44). Interessant ist der Hinweis Darntons: Die großen (staatlichen) Bibliotheken damals verwahrten diesen und andere „Porno“-Romane unter der Rubrik „l` Enfer“, „Die Hölle“, unter Schloss und Riegel.
Die „Porno“-Romane (hinsichtlich der Darstellungen sicher weit entfernt von entsprechenden Texten des 20. und 21. Jahrhunderts) waren im 18.Jahrhundert in Frankreich weit verbreitet und es gab viele entsprechende Publikationen, sie zeigten die sexuelle Freiheit einer bestimmten (hohen) Gesellschaftsschicht. Und sie waren in der Darstellung der Freiheiten, die sich einzelne Männer nahmen, auch ein versteckter Impuls an die Leser, sich ebenfalls diese Freiheiten, vielleicht auch politische Freiheiten zu nehmen. Das wurde dann gefährlich…
20.
Im Roman „Thérèse Philosophe“ verführt und missbraucht der Jesuitenpater und geistliche Betreuer Dirrag (Pater Girard) das fromme Mädchen durch seine spirituellen Geschichten, die auf Wahn beruhen: Etwa, dass die sexuelle Hingabe des Mädchen zu einer Erhebung der Seele führe oder dass Wunderwerkzeuge des heiligen Franziskus bei der Penetration „sinnvollerweise“ zur Anwendung kommen. Interessant ist, dass damals schon der sexuelle Missbrauch durch Priester mit der Erfindung „heilsamer“ religiöser Zusammenhänge begründet wurde,. Auch Pater Marcial Maciel, Gründer und viele Jahre „Generaldirektor“ der Legionäre Christi, argumentierte in dieser Weise, als er Jungen und Jugendliche missbrauchte…
21.
Es gab zu Zeiten des ancien régimes (aber auch schon vorher) die „prisons ecclésiastiques„, also die kirchlichen und kircheneigenen Gefängnisse, die in Klöstern untergebracht waren oder auch in Priesterseminaren. Es ist meines Wissens bisher nicht untersucht worden, ob in diesen „Klostergefängnissen“ auch Priester eingesperrt wurden, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig machten. Vieles deutet darauf hin, dass auch Kleriker von ihren Oberen eingesperrt wurden, die sich der „libertinage“ schuldig gemacht hatten…
Diese „Kirchlichen Gefängnisse“ in Klöstern sind ein Thema, das bisher in Deutschland wenig Beachtung fand. In Frankreich hat etwa der Historiker Bernard Plongeron in seiner Studie“La vie quotidienne du clergé francais au 18. Siècle“ (Hachette, Paris 1974, S. 65 f.) auf dieses Thema hingewiesen; eine größere Studie ist „À propos de la prison ecclésiastique sous l’Ancien Régime“ von Jean-Pierre Gutton, erschienen in „Presses universitaires François-Rabelais“ (1995).
Kurze Zusammenfassung
22.
Dieser Hinweis bietet nur Fragmente aus einer langen Geschichte des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker. Es können wohl nur Fragmente sein, weil die Hierarchie entsprechende Dokumente meist umfassend vernichtete und Spuren verwischte, „um den guten Ruf der Kirche, d.h. der Kleriker, zu schützen“, wie es im Laufe der langen Missbrauchsgeschichte immer heißt.
Und der Zölibat des Klerus bot Pädophilen on vornherein einen Schutzraum, in dem sie sich, zur Ehelosigkeit verpflichtet, als sexuelle Einzelgänger förmlich ausleben und austoben konnten … und bis heute können.
Leider ist eine wichtige Studie vergriffen: Hertha Busemann: „Der Jesuit (Girard) und seine Beichttochter. Die Faszination eines Sittenskandals in drei Jahrhunderten“. BIS, Bibliotheks- u. Informationssystem d. Univ. Oldenburg. Mit e. Vorw. von Ernst Hinrichs. Oldenburg 1987.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
Aktualisiert am 28. Oktober 2026 durch CM
