Sexueller Missbrauch durch Kleriker – Hinweise zur Geschichte einer verdrängten und verleugneten katholischen Tradition.

Sexueller Missbrauch durch Kleriker – Hinweise zur Geschichte einer verdrängten und verleugneten katholischen Tradition.

Von Christian Modehn. Das ausführliche Kapitel B wurde am 22.7.2023 veröffentlicht. Das Kapitel A wurde am 28.10.2026 veröffentlicht.

EIN VORWORT:
Der sexuelle (und, neues Thema: spirituelle) Missbrauch durch katholische Priester und Ordensleute ist eine Art lange andauerndes, d.h. „chronisches Verbrechen“ in dieser Kirche: Es weist in die Geschichte der Kirche, etwa seit der mittelterlichen Zeit, als das Zölibatsgesetz verpflichtend wurde. Diese in die Weite führende historische Dimension wurde bislang ignoriert, gern übersehen, zumal auch die Kirchenführung entsprechende Dokumente vernichtete…. Theologen und Zeit – Historiker haben jetzt noch genug zu tun, die aktuelle Gegenwart dieser klerikalen Verbrechen mit Mühe und gegen viel Widerstand von offizieller Seite freizulegen. Denn noch tun sich viele führende Kleriker, Bischöfe, Ordensobere (in Polen, Italien, in Afrika, Lateinamerika usw….) sehr schwer, sich ihrer eigenen dunklen Vergangenheit in aller Wahrhaftigkeit zu stellen und .. vor allem: die Opfer zu hören, wahr-zunehmen und für ihre Leiden, … ja was denn.., „gerecht zu entschädigen“?

Unsere Prognose ist: Solange der Klerus die katholische Kirche nach wie vor beherrscht, wird sich die objektive Wahrheit nicht freilegen lassen, zu groß ist Widerstand, „dass der Klerus in ein schlechtes Licht gerät“… Die Konsequenz nachdenklicher KatholiKinnen in Europa ist jetzt schon dokumentiert:  Dann sollen die Kleriker als letzte auch das Licht (in ihrer klerikalen, dogmatischen Kirche) ausmachen…

KAPITEL A:

Pater Klaus Mertes SJ (Berlin) hat seit 2010 dafür gesorgt, dass sexueller Missbrauch durch Kleriker auch in Deutschland Thema öffentlicher Debatten und Forschungen und damit notwendiger Kirchenkritik wird. Das ist eine großartige, mutige Leistung!
Als Redakteur der Jesuiten -Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ weist Pater Mertes jetzt in einem kurzen Beitrag für diese Zeitschrift, Ausgabe November 2026, auf heftig verdrängte Fakten der Kirchengeschichte Deutschlands im 20.Jahrhundert hin. Pater Mertes erinnert, von den Arbeiten des bekannten Historikers Götz Aly angeregt, an die Rede des katholisch erzogenen Nazi-Führers Joseph Goebbels in Berlin am 28.Mai 1937: In seiner Rede, im Radio übertragen, sprach Goebbels von der „sittlichen Verkommenheit des Klerus“. Pater Mertes schreibt in dem genannten Beitrag: „Es ist schwer zu ertragen, diese Rede zu lesen, aber doch nötig, sie nicht bloß abzutun… Zum Gesamtbild gehört eben auch die jüngst noch einmal bestätigte Erkenntnis, dass „trotz starker Verkürzungen, Übertreibungen und gelegentlich grober Verfälschungen … die Zeitungsberichte (+ber Goebbels Reden, CM) in aller Regel einen wahren Kern“ enthielten. Dieser Kern ist schlimm genug. Goebbels prangerte in der genannten Rede auch die Vertuschungsmechanismen innerhalb des (klerikalen, CM) Systems an. Sie gehören bekanntlich zum Phänomen des sexuellen Missbrauchs zu allen Zeiten dazu. Goebbels schimpfte darüber, dass die katholische Kirche bloß „bedauerliche Einzelfälle“ einräumte. Er brandmarkte die Praxis der kirchlichen Autoritäten, Täter in andere Pfarreien zu versetzen oder sie sogar aus dem Gemeindedienst herauszunehmen, um in Erziehungsanstalten für Jugendliche weiterzuwirken… Zu den wenigen selbstkritischen kirchlichen Stimmen gehörte der Bischof von Münster, Kardinal Clemens Graf von Galen. …Warum ist der Hinweis auf diese Dinge für heute wichtig? Zum einen wird deutlich, dass sexueller Missbrauch wie überall, so auch in der katholischen Kirche kein jüngeres Phänomen ist, wie immer noch einige behaupten. Vielmehr hat er samt den typischen Vertuschungsstrategien eine lange Tradition.“

 

KAPITEL B:
1.
Die sexuelle Missbrauch durch katholische Kleriker ist kein neues Ereignis des 21. Jahrhunderts. Es wird Zeit, einige historische Tatsachen öffentlich zu machen. Und zu zeigen, dass der Schutz der angeklagten Kleriker immer schon  vorrangiges Ziel der Hierarchie war.
2.
Die Kirchenführung und die Theologen hatten – spätestens seit Einführung des Zölibatsgesetzes im 12. Jahrhundert – das abstrakte Ideal eines keuschen, und deswegen (!) heiligen Klerus vor Augen. Aber von pädosexuellem Missbrauch durch Kleriker sind bis ins 20. Jahrhundert eher wenige Dokumente überliefert. In seiner Studie über die Geschichte der Sexualität des Klerus spricht der Spezialist, der Historiker Georg Denzler, nur undifferenziert von „Homosexualität im Klerus“. Das Thema der so genannten „Pädophilie“ bzw. „Pädosexualität“ unter Priestern und Ordensleuten wird nicht eigens erwähnt. Dabei ist klar, dass das Wort „Pädophilie“ erst Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wird. Aber es liegt nahe, dass „Pädophilie“ auch „mit-gemeint“ ist, wenn etwa Konzilien von „Sodomie“ im Klerus sprechen, wie etwa das III. Laterankonzil schon im Jahr 1179. Dort wurde in Kanon 11 bestimmt: Wenn ein Kleriker der „Unzucht wider die Natur verfallen ist, dann soll er aus dem Klerus ausgestoßen und in ein Kloster verbannt werden, um dort Buße zu tun“. (Quelle: Der Sammelband „Kreuzfeuer“, München 1991, darin der Beitrag von Prof. Denzler, zit. S.106.).
Man erinnere sich: Nur eine sehr milde Strafe fiel auch Papst Benedikt XVI. ein, als er den bekannten pädosexuellen Verbrecher, den Ordensgründer der „Legionäre Christi“, Pater Marcial Mariel, aller seiner hohen Funktionen zwar enthob, aber ihn NICHT den Gerichten übergab, sondern ihn in ein Kloster zur Buße schickte, aus dem sich der Verbrecher nach Florida (USA) flüchtete…LINK

Frühes Mittelalter: Der heilige Petrus Damiani.
3.
Zunächst muss der heilige Petrus Damiani (geboren 1006 in Ravenna – gestorben 1072 in Faenza, Italien) vor allem wegen seines Buches „Liber Gomorrhianus“ („Das Gomorrah Buch“) aus dem Jahr 1050 erwähnt werden.
Petrus Damiani war Mitglied eines Eremitenordens innerhalb der benediktinischen Tradition, er war Theologe, später auch Bischof von Ostia und dann auch Kardinal. In dieser Funktion setzte er sich leidenschaftlich für eine strenge Kirchenreform vor allem für eine „moralische Reinigung“ des Klerus ein. Er zog sich aber im Jahr 1061 aus der Kirchenpolitik in ein Kloster zurück, frustriert angesichts der fortbestehenden „amoralischen Zustände“ im Klerus. „Vielleicht war damals das `Laster` (gemeint ist Homosexualität im allgemeinen) unter dem Klerus so weit verbreitet, dass ein energisches Durchgreifen, wie Petrus Damiani es für notwendig hielt, zu einer spürbaren Dezimierung des Klerus geführt hätte“, so Prof. Denzler, a.a.O. S . 105.
4.
Im Titel seines Buches nimmt Petrus Damiani Bezug auf den alttestamentlichen Mythos von Sodom und Gomorra, in diesem Buch verurteilt Petrus Damiani offenbar auch pädosexuelle Praktiken durch Priester, selbst wenn er diesen Begriff nicht verwendet. Petrus Damiani spricht im 8. Kapitel seines Buches vom Umgang des Beichtvaters mit seinen „spirituellen Söhnen“, die vom Priester selbst missbraucht wurden. So Pierre J. Prayer in seinem Buch, „Book of Gomorrah: An Eleventh-Century Treatise against Clerical Homosexual Practices“, Publisher: Wilfrid Laurier University Press, located in Waterloo, Ontario, 1962. LINK
   Im katholischen „Dom-Radio“ (Köln) schreibt Anselm Verbeek am 23.2.2022: „Gegenüber Papst Leo IX. prangerte Petrus Damini,`das höchst unflätige Leben im Klerus` an. Er empörte sich über `Unzucht und Missbrauch von Minderjährigen unter dem Deckmantel der Religion`.“
5.
Aber der Heilige empfiehlt dann die in Klerikerkreisen übliche Geheimhaltung des Missbrauchs: In einem Schreiben an Papst Nikolaus II. behauptet Petrus Damiani: „Würde die Unzucht bei den Priestern geheim betrieben, so sei es zu ertragen, aber die öffentlichen Konkubinen, ihre schwangeren Leiber, die schreienden Kinder, das sei das Ärgernis der Kirche“, berichtet wikipedia.
6.
Die Hinweise des Petrus Damiani zu sexuellem Missbrauch an „Spirituellen Söhnen“ dienten nicht der Aufklärung in der damaligen klerikal bestimmten Gesellschaft. Sie sind dem Autor Petrus Damiani wichtig, weil er jegliche praktizierte Sexualität, mehr noch: jegliche Akzeptanz von Leiblichkeit im Klerus aufs schärfste verurteilt. 1828 wurde Petrus Damiani zum katholischen Kirchenlehrer ernannt worden und zu einem Heiligen, den übrigens Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. explizit lobte, etwa am 9.9. 2009 in einer Ansprach der W“Generalaudienz“… Petrus Damiani gilt heute als der radikale Feind jeglicher Sexualität außerhalb der Ehe.
7.
Es ist ein Beleg für die Oberflächlichkeit katholischer Theologie und katholischer Geschichtsforschung, wenn in dem durchaus repräsentativen umfangreichen Band „Reformer der Kirche“ (Mainz 1970) ein Beitrag des katholischen Theologen und Historikers Jean Leclercq über Petrus Damiani erscheint. Und darin mit keinem Wort dessen Buch „Liber Gomorrhianus“ erwähnt wird (S. 540 f.). Hingegen wird berichtet: Er sei „ein Fürsprecher der freiwilligen Geißelung“ gewesen (S. 541) und habe diese Form des frommen Masochismus auch selbst praktiziert.
Dieser strenge Masochist wird heute in der katholischen Kirche offiziell als „Patron und Helfer gegen Kopfschmerzen“ verehrt, so der Wikipedia Beitrag (Deutsch) über Petrus Damiani.
Missbrauch im Orden der Schulpriester, auch „Piaristen“ genannt, im 17. Jahrhundert.
8.
Der sexuelle Missbrauch durch Priester hat eine lange Tradition auch im 17. Jahrhundert. Sie wird deutlich greifbar in der umfassenden historischen Forschung von Karen Liebreich, sie studierte die Frühgeschichte des Ordens der „Piaristen“, der „Schulpriester“, gegründet vom heiligen Joseph Calasanz, 1617 von Papst Paul V. offiziell in Rom als Orden bestätigt. Calasanz lebte von 1557 – 1648.
Die Historikerin Karen Liebreich hat im Jahr 2004 ihre Studie „Fallen Order“ in New York, publiziert. Sie hatte Zugang zu entsprechenden Archiven in Rom, Florenz usw… Der Orden der Schulpriester hatte sich zu Beginn vor allem für den Unterricht armer Kinder (Jungen) in eigenen Ordensschulen engagiert. Und unter den Lehrern, den Ordenspriestern, sammelten sich bald – bei dieser „Spezialisierung“ auf den Unterricht von Knaben – tatsächlich Pädophile. „Bekannte pädophile Priester wurden von einer Ordens – Schule der Piaristen in die andere versetzt und so wurde Ihnen Zugang zu Kindern ermöglicht. „Der Ordensgründer Calasanz wusste doch, was geschieht, wenn Männer und Jungen miteinander allein gelassen werden, seine Schriften und seine Regeln für die Schule zeigen das“, schreibt Karen Liebreich auf S. 269. Aber die pädophilen Priester im Orden vernetzten sich, versuchten erfolgreich, Einfluss und Macht im ganzen Orden zu gewinnen: „Der Ordensgründer Joseph Calasanz wusste, was da an Missbrauch geschah, ebenso wie die Kardinäle, die Bischöfe und letztlich auch der Papst“ (ebd.). „Aber der Skandal der pädophilen Schulpriester wurde ignoriert, um den Ruf eines wichtigen Klerikers mit einflußreichen familiären Beziehungen zu schützen“. Und der Ordenspriester Stefano degli Angeli Cherubini (geb. 1600) wurde sogar noch mit vollem Wissen des Papstes sogar im Jahr 1643 oberster Chef des Ordens.
9.
Der Ordensgründer Calasanz deckte den pädophilen Verbrecher nun auch als seinen Vorgesetzten im Orden. „Kindesmissbrauch durch Ordenspriester wurde von Calasanz ignoriert und „zugedeckt“, und in jedem Fall „war immer seine erste Priorität der gute Rufe des Ordens und die Reputation der betroffenen Mitbürger“ (S. 257). „Erst als die Tatsachen auch in der Öffentlichkeit bekannt wurden, wurde der Orden der Schulpriester als Orden verboten, eine noch nie dagewesene Aktion der Kirche“ (ebd.). Das geschah 1646, immerhin hatte Papst Innozenz X. den Mut, einen von pädophilen Klerikern durchsetzten Orden zu verbieten. Aber 10 Jahre später konnte der Orden natürlich mit päpstlicher Erlaubnis (durch Alexander VII.) seine Aktivitäten wieder aufnehmen… Die „Schulpriester“, Piaristen, haben seitdem eine nach außen hin erfolgreiche Geschichte mit vielen prominenten Schülern…oft als Konkurrenz zu den Jesuiten bewertet… 
Roland Machatschke (Wien), Journalist und Mitarbeiter der Wiener Piaristen, hat einen ausführlichen Vortrag über die frühe Geschichte des Piaristen-Ordens veröffentlicht: LINK
10.
In dem umfassenden Lexikon  „Reformer der Kirche“ (hg. von Peter Manns, Mainz 1970), wird in dem Beitrag über den heiligen Joseph Calasanz, Seite 904-907) mit keinem Wort der sexuelle Missbrauch etwa durch Pater Cherubini erwähnt. Er wird nur als ein „Ehrgeiziger“ beschrieben, der „reiche Gönner hatte“ (S. 906). Als Ordensgeneral (1643) wurde Cherubini entlassen, aber die Autorin Hilde Firtel nennt als Grund nur „Unterschlagungen“, nicht sexuellen Missbrauch. Der Herausgeber Peter Manns, Mainz, war Professor für Kirchengeschichte in Mainz… er galt als „katholischer Luther-Spezialist“…
11.
Zu einer Auflösung eines korrupten Ordens waren die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus nicht bereit oder nicht in der Lage, wegen der pädosexuellen Verbrechen Pater Marcial Maciels, des Gründers des Ordens „Legionäre Christi“, diesen Orden zu verbieten und aufzulösen; eine treffende Idee, die vielfach von den Opfern Pater Maciels öffentlich, aber wie zu erwarten, erfolglos vorgebracht wurde… Aber der Einfluß dieses Ordensgründers unter den Kardinälen, seine öffentlich bekannte, enge Freundschaft mit Papst Johannes Paul II., sein bekannter finanzieller Reichtum, seine vielen einsatzbereiten jungen Priester usw. …all dieses verhinderte die Auflösung dieses von vielen für korrupt gehaltenen Ordens…Verschiedene Studien zu den „Legionären Christi“:
LINK
Missbrauch im „Merzedarier-Orden“ im Spanien des 17. Jahrhunderts
12.
Über einen pädosexuellen Ordenspriester im Spanien des 17. Jahrhunderts liegt eine kleine historische Studie vor, sie hat Prof. Raphael Carrasco verfasst unter dem Titel „Sodomiten und Inquisitoren im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts“. Die Studie ist erschienen in dem Sammelband „Die sexuelle Gewalt in der Geschichte“, hg. von dem Historiker Alain Corbin, Wagenbach Verlag, 1992, dort S. 45-58. Die französische Ausgabe erschien 1989. Das Buch ist auf Deutsch nur noch antiquarisch verfügbar…Raphael Carrasco (Montpellier) geht der Frage nach: Wie konnte sich ein hoher Kleriker, des sexuellen Missbrauchs angeklagt, im Spanien des 17.Jahrhunderts aus der Affäre ziehen, nur weil er ein Kleriker war und „der gute Rufe der Kirche bewahrt werden musste“.
13.
Prof. Raphael Carrasco stellt in seinem Aufsatz den sexuellen Missbrauch eines Mönchs zunächst in den größeren Zusammenhang der Homosexualität (damals Sodomie genannt) im „Inquisitionsbezirk Valencia“ im 16. und 17. Jahrhundert. Schon 1497 hatten die „Katholischen Könige“ dort für Sodomiten die Strafe des Feuertodes festgelegt. In einem grundlegenden Text der katholischen Könige heißt es: „Es handelt sich um die Bestrafung des abscheulichen Delikts, das schon der namentlichen Erwähnung unwürdig ist; das Delikt zerstört die natürliche Ordnung, es wird durch Gottes Urteil gestraft, etwa durch Pestilenzen und andere Plagen“ (S. 46).
Im Gericht von Valencia war mit „19 Prozent der wegen Sodomie Angeklagten die Gruppe der Kleriker mit Abstand der höchste Anteil…Von 1575 bis 1590 wurden in Valencia vier Kleriker verbrannt, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden schwere Strafen gegen Kleriker, Galeere und Zwangsarbeit, verhängt“ (S. 54).
14.
Auch damals setzte sich der Schutz der Kleriker als oberstes Prinzip im Umgang mit sexueller Gewalt durch Priester durch: „Das Tribunal handelte allerdings mit äußerster Vorsicht, denn die verschiedenen Orden zeigten sich in der Verteidigung ihres guten Rufes ganz besonders aktiv“ (S. 54). Die Orden behaupten damals schon, sie müssen zuerst und vor allem ihre Mitglieder schützen … und nicht die Opfer…
15.
Raphael Carrasco konzentriert sich dann in seinem Aufsatz auf den Fall des Paters Joan Nolasco Risón aus dem Orden der „Merzedarier“ (dieser Orden besteht noch heute mit der Ordensabkürzung O.de.M.).
Pater Joan Nolasco Risón war Novizenmeister, also offiziell zuständig für die die Förderung der Spiritualität der jungen Männer, die damals im Alter von 16 Jahren in die Orden als Kandidaten und mögliche Mtglieder eintraten. „Der Novizenmeister hatte in seinem Konvent unaufhörlich und erfolgreich sexuellen Druck auf die jungen Leute ausgeübt, die ihm anvertraut waren“.
Pater Nolasco Risón hatte in seinem Kloster durch seine offensichtlichen „Aktivitäten“ eine Spaltung bewirkt: Es gab seine Komplizen, „die er anderswo auf günstigen Posten unterbrachte und die bis dahin seltsame Vorrechte genossen, und auf der anderen Seite die Reinen, die Schamhaften, Empörten sowie alle, die verfolgt und tyrannisiert wurden, weil sie dem Werben des Meisters widerstanden hatten“ (S. 55).
Es gab etwa einen kritischen Ordensbruder, Pater Jeronimo Ramirez, der dem sexuellen Missbrauch des Paters Nolasco Risón Einhalt gebieten wollte. Und was passierte? Der ganze Orden wollte den „guten Ruf“ bewahren, man beeinflusste den kritischen Pater Jeronimo Ramirez und versuchte, ihn zu überzeugen, doch bitte den prominenten Mitbruder im Orden nicht zu denunzieren. Aber die sexuell missbrauchten Novizen rebellierten. Und was tat der Beschuldigte? Pater Risón „versuchte die Novizen mit einer heftigen Rede voller unterschwelliger Drohungen einzuschüchtern“. (S. 55). Aber die Einschüchterungen nützen nichts. Die Inquisition hatte die Novizen zu Zeugenaussagen vorgeladen. „Diese Zeugenaussagen sind heute eine ganz außergewöhnliche Quelle für das Leben in den Novizinnen der Klöster am Ende des 17. Jahrhunderts.“ (S. 55).
16.
Die kirchliche Inquisitionsbehörde gab aber 1687 dem staatlichen Gericht die Zustimmung, Pater Risón (damals 54 Jahre alt) zu verhaften, allerdings „unter größter Geheimhaltung“, betont der Autor des Aufsatzes Raphael Carrasco (S.55). Wie zu erwarten: „Der Prozess gegen Pater Nolasco Rison versandte im Ermittlungsverfahren. Der Oberste Rat (der Inquisition) dachte, die zwangsläufig skandalöse Arznei, also die Bestrafung des Paters – sei schlimmer als die Krankheit (der sexuelle Missbrauch von Kindern“, S. 55. Der Verbrecher wurde also frei gesprochen, er war danach ein beliebter Prediger, im Jahr 1700 ist er verstorben.
In einem Lexikon Beitrag der „Königlichen Akademie der Geschichte“ in Madrid (verfasst von Manuel Alvar Lopez) ist von den Verfehlungen des Priesters Risón keine Rede.
Missbrauch durch einen Jesuiten im Frankreich des 18. Jahrhunderts
17.
Es geht um den Missbrauch durch den Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard (1680-1733). Er wurde 1731 angeklagt, das Mädchen Marie-Cathérine Cadière im Beichtstuhl zum Sex verführt zu haben mit späterer Anstiftung zur Abtreibung. Der Skandal war damals in Frankreich sehr oft besprochen worden. “Die Aussagen anderer Beichtkinder Girards stützten die Anklage, doch wurde der Angeklagte am 10. Oktober 1731 in Toulon freigesprochen. Er musste allerdings in seine Geburtsstadt Dole zurückkehren, wo er bereits zwei Jahre später starb“ (Quelle: Wikipedia Beitrag, deutsch, über Jean-Baptiste Girard).
18.
Der philosophisch gebildete Schriftsteller Jean-Baptiste d` Argens ( 1703-1771) hatte über dieses Ereignis einen dicht am Ereignis orientierten Roman geschrieben, er wurde 1748 veröffentlicht unter dem Titel „ Thérèse Philosophe. Memoiren zu Ehren der Geschichte von Pater Dirrag und Mademoiselle Eradice“. Es wird darüber debattiert, ob d` Argens tatsächlich der Autor des Romans ist. Der Marquis de Sade war hingegen von d` Argens als Autor überzeugt. Der Romanautor hatte den Jesuitenpater dann Dirrag genannt, die Leser damals wussten, wer gemeint ist.
19.
Der Historiker und Spezialist für die Literatur im Frankreich des 18. Jahrhunderts Robert Darnton hat diesen Roman als pornographischen Text gewürdigt. (Quelle: „Denkende Wollust“, Frankfurt am Main 1996, S. 7 – 44). Interessant ist der Hinweis Darntons: Die großen (staatlichen) Bibliotheken damals verwahrten diesen und andere „Porno“-Romane unter der Rubrik „l` Enfer“, „Die Hölle“, unter Schloss und Riegel.
Die „Porno“-Romane (hinsichtlich der Darstellungen sicher weit entfernt von entsprechenden Texten des 20. und 21. Jahrhunderts) waren im 18.Jahrhundert in Frankreich weit verbreitet und es gab viele entsprechende Publikationen, sie zeigten die sexuelle Freiheit einer bestimmten (hohen) Gesellschaftsschicht. Und sie waren in der Darstellung der Freiheiten, die sich einzelne Männer nahmen, auch ein versteckter Impuls an die Leser, sich ebenfalls diese Freiheiten, vielleicht auch politische Freiheiten zu nehmen. Das wurde dann gefährlich…
20.
Im Roman „Thérèse Philosophe“ verführt und missbraucht der Jesuitenpater und geistliche Betreuer Dirrag (Pater Girard) das fromme Mädchen durch seine spirituellen Geschichten, die auf Wahn beruhen: Etwa, dass die sexuelle Hingabe des Mädchen zu einer Erhebung der Seele führe oder dass Wunderwerkzeuge des heiligen Franziskus bei der Penetration „sinnvollerweise“ zur Anwendung kommen. Interessant ist, dass damals schon der sexuelle Missbrauch durch Priester mit der Erfindung „heilsamer“ religiöser Zusammenhänge begründet wurde,. Auch Pater Marcial Maciel, Gründer und viele Jahre „Generaldirektor“ der Legionäre Christi, argumentierte in dieser Weise, als er Jungen und Jugendliche missbrauchte…
21.
Es gab zu Zeiten des ancien régimes (aber auch schon vorher) die „prisons ecclésiastiques„, also die kirchlichen und kircheneigenen Gefängnisse, die in Klöstern untergebracht waren oder auch in Priesterseminaren. Es ist meines Wissens bisher nicht untersucht worden, ob in diesen „Klostergefängnissen“ auch Priester eingesperrt wurden, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig machten. Vieles deutet darauf hin, dass auch Kleriker von ihren Oberen eingesperrt wurden, die sich der „libertinage“ schuldig gemacht hatten…
Diese „Kirchlichen Gefängnisse“ in Klöstern sind ein Thema, das bisher in Deutschland wenig Beachtung fand. In Frankreich hat etwa der Historiker Bernard Plongeron in seiner Studie“La vie quotidienne du clergé francais au 18. Siècle“ (Hachette, Paris 1974, S. 65 f.) auf dieses Thema hingewiesen; eine größere Studie ist „À propos de la prison ecclésiastique sous l’Ancien Régime“ von Jean-Pierre Gutton, erschienen in „Presses universitaires François-Rabelais“ (1995).
Kurze Zusammenfassung
22.
Dieser Hinweis bietet nur Fragmente aus einer langen Geschichte des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker. Es können wohl nur Fragmente sein, weil die Hierarchie entsprechende Dokumente meist umfassend vernichtete und Spuren verwischte, „um den guten Ruf der Kirche, d.h. der Kleriker, zu schützen“, wie es im Laufe der langen Missbrauchsgeschichte immer heißt.
Und der Zölibat des Klerus bot Pädophilen on vornherein einen Schutzraum, in dem sie sich, zur Ehelosigkeit verpflichtet, als sexuelle Einzelgänger förmlich ausleben und austoben konnten … und bis heute können.
Leider ist eine wichtige Studie vergriffen: Hertha Busemann: „Der Jesuit (Girard) und seine Beichttochter. Die Faszination eines Sittenskandals in drei Jahrhunderten“. BIS, Bibliotheks- u. Informationssystem d. Univ. Oldenburg. Mit e. Vorw. von Ernst Hinrichs. Oldenburg 1987.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 28. Oktober 2026 durch CM

Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Aktuelle Beiträge    Der Religionsphilosophische Salon Berlin. Einige Hinweise von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus.

Wer sich zunächst für die Vielfalt der Themen interessiert, die wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ besprochen und diskutiert haben: LINK

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist seit 2007 eine Initiative von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus. (Biographische Hinweise: Fußnote 1.)
 Übliche, also öffentliche Salon – Veranstaltungen fanden monatlich von 2007 – 2020 statt. Jetzt gestalten wir philosophisch – theologische Gespräche in kleinerem Kreis. Regelmäßig werden neue Beiträge als Hinweise zur philosophischen und theologischen Debatte auf unserer Website publiziert, bis jetzt sind es 1.800 Beiträge, „Hinweise“ genannt, Stand 26.9.2025.

2.
 Titel und „Sache“ eines „(religions-)philosophischen Salons“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre eines Salons, ist evident. Das gilt, selbst wenn viele Interessierte beton(t)en, „Philosophie“ sei schwierig. Das ist sie vielleicht, nicht aber Philosophieren: Es ist das Lebenselement eines jeden Menschen.
 In unserem religionsphilosophischen Salon wird das möglichst eigenständige Philosophieren (kritische Nach – Denken) geübt.
 Philosophische Religionskritik gehört elementar zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Philosophische Religionskritik kann zeigen, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann.

3.
 Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-)Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine relevante Frage, auch angesichts der Zunahme von christlichem und muslimischem Fundamentalisten. Dringend ist die Frage: Inwieweit ist philosophisches Denken Europas eng mit dem kolonialen Denken verbunden?

4. 
In unseren Gesprächen wird oft erkannt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien bieten in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt.

5.
 Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten und das Göttliche, das Transzendente, erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend und dieses denkende Transzendieren ermöglichend. Die auf das Wesentliche reduzierte Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie von Kant gilt uns als wichtige Inspiration für eine heutige vernünftige (!) christliche Spiritualität.

6.
 Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. Der Widerspruch und der Kampf gegen alle Formen des Rechtsradikalismus (AFD, FPÖ, Le Pen, usw.) und Antisemitismus muss zum Mittelpunkt nicht nur unserer, sondern der philosophischen Arbeit insgesamt werden. Es gilt, die Demokratie zu retten.

7.
 Die „Entdeckungsreisen“ der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus, Kapitalismus. Mit anderen Worten: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie findet eigentlich immer – oft umthematisch – in allen Lebensbereichen statt.

8.
 Wo hat unser religionsphilosophischer Salon seinen „materiellen“ Ort? Als Treffpunkt, als Raum, eignet sich nicht nur eine große Wohnung oder der Nebenraum eines Cafés, sondern auch eine Kunst – Galerie. In den vergangenen 7 Jahren fanden wir in der Galerie „Fantom“ in Charlottenburg freundliche Aufnahme. Zuvor in verschiedenen Cafés. Kirchliche Räume, Gemeinderäume etwa, sind für uns keine offenen und vor allem keine öffentlichen Räume.

9. 
In unserem religionsphilosophischen Salon sind selbstverständlich Menschen aller Kulturen, aller Weltanschauungen und Philosophien und Religionen willkommen. Unser Salon ist insofern hoffentlich ein praktisches Exempel, dass es in einer Metropole – wie Berlin – Orte geben kann, die auch immer vorhandenen „Gettos“ überwinden.

10.
 Darum haben wir in jedem Jahr im Sommer Tagesausflüge gestaltet, mit jeweils 10 – 12 TeilnehmerInnen: Etwa nach Erkner (Gerhart Hauptmann Haus), Karlshorst (das deutsch-russische Museum), Jüterbog als Ort der Reformation, das ehem. Kloster Chorin, Frohnau (Buddhistisches Haus), das Dorf Lübars… Außerdem gestalteten wir kleine Feiern in privatem Rahmen anlässlich von Weihnachten. Auch ein Kreis, der sich mehrfach schon traf, um Gedichte zu lesen und zu meditieren, hat sich aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon entwickelt. Aber alle diese Initiativen waren (und sind wohl) mühsam, u.a. auch deswegen, weil letztlich die ganze Organisation von den beiden Initiatoren – ehrenamtlich selbstverständlich – geleistet wurde und wird. Das ist der Preis für eine völlige Unabhängigkeit.

11.
 Anlässlich der „Welttage der Philosophie“, in jedem Jahr im November von der UNESCO vorgeschlagen, haben wir größere Veranstaltungen mit über 60 TeilnehmerInnen im Berliner AFRIKA Haus gestaltet, etwa mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb, dem Theologen Michael Bongardt. Der Berliner Philosoph Jürgen Große hat in unserem Salon über Emil Cioran gesprochen, der Philosoph Peter Bieri diskutierte im Salon über sein Buch „Wie wollen wir leben?“, die Politologin Barbara Muraca stellte ihr Buch „Gut leben“ vor, Thomas Fatheuer von der Heinrich – Böll- Stiftung vertiefte das Thema; der evangelische Pfarrer Edgar Dusdal (Karlshorst) berichtete über seine Erfahrungen in der DDR; der Theologe der niederländischen Kirche der Remonstranten, Prof. Johan Goud (Den Haag), war zweimal bei uns zur Diskussion, öfter dabei waren Dik Mook und Margriet Dijkmans-van Gunst aus Amsterdam…

Die Liste unserer Gäste und Refernten: Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören  Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Buddhismus-Lehrer Michael Peterssen (Berlin), der Komponist Joachim Gies (Berlin), Dr. Dorothea Hasskamp vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Berlin)……

12.
 Es ist uns leider deutlich, dass innerhalb der philosophischen Studiengänge an Hochschulen und Universitäten nicht im entferntesten daran gedacht wird, auch das Berufsbild eines Leiters, einer Leiterin besser „Inspiratorin“ philosophischer Salons zu entwickeln. Damit PhilosophInnen freilich ,als Salonnières arbeiten können, müsste die Kulturpolitik entsprechend handeln. Aber die interessiert sich offenbar absolut vor allem für die so genannte Hochkultur der Oper und der Theater, nicht aber für eine Form der „Basis-Philosophie“ als Möglichkeit, vor Ort unter den vielfältigen Menschen tiefere Kommunikation zu ermöglichen.
Eigentlich bräuchte es etwa in Berlin in jedem Stadtbezirk mindestens einen philosophischen Salon, besser noch ein philosophisches „Haus“ mit öffentlich zugänglicher kleiner Fach – Bibliothek , Lesezimmer, Meditations- Denk-Raum und Tee/ Kaffee-Stube.Viele leerstehenden Kirchen könnten entsprechend umgestaltet werden. Dass dort auch philosophisch – literarische Debatten oder Diskussionen zu Grundfragen der Politik, der Kunst und Musik und Spiritualität stattfinden können, ist keine Frage.

13.
 Die Bilanz: Einige wenige Interessenten außerhalb von Berlin haben die Idee des religionsphilosophischen Salons aufgegriffen. Aber wir können nicht sagen, dass etwa im kirchlichen Bereich, evangelisch wie katholisch, die Idee des freien und undogmatischen und offenen Salon-Gesprächs aufgegriffen und realisiert wurde.
Je mehr Christen aus den Kirchen austreten, um so ängstlicher und dogmatischer werden die Kirchen(führer), also auch ihre Pfarrer usw. Der Weg der Kirche in ein kulturelles Getto scheint vorgezeichnet zu sein, zumindest für die katholische Kirche. Tatsächlich haben sich über all die Jahre unserer Arbeit sehr sehr wenige „Vertreter“ der großen Kirchen für unsere Initiative überhaupt interessiert. Wir haben diese Ignoranz auch als Freiheit erlebt.

14.
 Hinweis zu unseren Themen:
Eine Übersicht unserer Themen im Salon von Februar 2020 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert. Die bisher 1.750 religionsphilosophischen und religionskritischen Hinweise von Christian Modehn, publiziert auf der Website www.religionsphilosophischer-salon.de, hatten bis zum  8.1.2026  3.007.000 „Zugriffe“, wie die Statistik dokumentiert.

15.
 Unser letztes öffentliches Salongespräch vor der Corona – Pandemie fand am Freitag, den 14.Februar 2020 , wie immer um 19 Uhr, statt, über das Thema: „Das Kalte Herz“. Mehr als ein Märchen (von Wilhelm Hauff). „Das kalte Herz“ offenbart die „imperiale Lebensweise“. 22 TeilnehmerInnen waren dabei. Leider mussten wir – wie öfter schon – acht Interessierten absagen, weil der Raum eben klein ist und nur eine überschaubare Gruppe eine Gesprächssituation ermöglicht. Aber das große Interesse, ohne jede öffentliche Werbung, allein im Internet, und ohne jede Finanzierung von außen, ist immer wieder bemerkenswert. Für einige vertiefende Hinweise zur imperialen Lebensweise: Beachten Sie diesen LINK.

16. Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören etwa: Der Philosoph Prof. Peter Bieri, der Philosoph und Theologe Prof. Michael Bongardt, der Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Physiker Dr. Hans Blersch (Berlin)…

17. Wir haben unsere philosophischen, religionsphilosophischen und theologischen Gespräche im Salon als Ausdruck der Spiritualität der freisinnigen protestantischen Remonstranten – Kirche (in Holland) verstanden. Dabei haben wir, ebenfalls der offenen, freisinnigen Theologie der Remonstranten entsprechend, keine Werbung für diese protestantische Kirche „betrieben“.

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Dieser Hinweis vom 7.2.2023 wurde am 3.2.2025 überarbeitet.

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FUßNOTE 1: 
Gründer und Initiatoren des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“:

Christian (Johannes, 2. Vorname) Modehn,  1948 in Berlin (Ost) – Friedrichshagen geboren, nach dem Abitur im Februar 1968 am Goethe – Gymnasium in Berlin – Wilmersdorf, Studium der katholischen und evangelischen Theologie (Staatsexamen nach 6 Jahren Studium) in Berlin, St. Augustin bei Bonn und München sopwie gleichzeitig  der Philosophie in Bonn und vor allem in München (Magister Artium in München, über Hegel). Christian Modehn war einige Jahre Mitglied einer katholischen Ordensgemeinschaft.  Christian Modehn arbeitet seit 1973 immer als freier Journalist über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie früher auch für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM: LINK, sowie auch für „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ (Hamburg), „Informations Catholiques Internationales“ (Paris), „de bazuin“ (Utrecht)  usw.. Zur Information über einige Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen und zu einigen Buchpublikationen: LINK.  Seit 2010 ist Christian Modehn Mitglied der freisinnigen protestantischen Kirche der Remonstranten (Niederlande). 

Hartmut Wiebus, 1944 in Seehausen/Altmark geboren, hat in Berlin (F.U.) Pädagogik (Diplomarbeit über Erich Fromm) und Psychologie studiert, und vor allem als evangelischer Klinikseelsorger gearbeitet. Er hat u.a. viele unserer Themen angeregt und immer als Moderator die Gespräche begleitet.

Copyright: Christian Modehn und Hartmut Wiebus. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 6. Juli 2026 durch cm

Das letzte Bild im Film „Vaterland“

Ein Hinweis zur Spiritualität des Films
Von Christian Modehn am 27.10.2026

Viele Bilder des Films „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski setzen sich förmlich fest in der Erinnerung: Es sind wirklich Bilder,, nicht (wie üblich, schnell hintereinander geschnittene) „Szenen“ eines Films. Auch diese Ästhetik macht den Film „Vaterland“ zu einem Meisterwerk. Die großartigen Sandra Hüller und Hanns Zischler stellen Erika und Thomas Mann dar. Die Tochter begleitet den Vater im Juli 1949 nach Frankfurt (Main) und Weimar, in den Wochen, als Deutschland offiziell in die BRD und die DDR geteilt wurde: Historisch korrekt war es Katja Mann, die ihren Gatten Thomas Mann begleitete, aber der Film bietet eine eigene Interpretation…)
Thomas Mann hält in beiden Städten seine Rede  aus Anlass der Übergabe des „Goethe Preises“ (in Frankfurt) und des „Goethe – Nationalpreises“ (in Weimar). Es sind Reden, die den Geist des klassischen Humanismus wachrufen wollen in einem materiell zerstörten, ideologisch vergifteten geteilten Deutschland. Die Rede als O TON, vom HR zur Verfügung gestellt: LINK

Der Film ist sehr sehenswert, zumal er die Familie Mann in ihrer Tragik (Suizid des Sohnes, Klaus Mann) anrührend zeigt; irritierend auch, wie Thomas Mann im Film sich nicht aus der Fassung bringen lässt.
Das zerstörte Deutschland sichtbar ist, zerstört nicht nur die Städte, die Häuser, zerstört vor allem die Mentalitäten: Erstarrt sind die Gesichter, etwa beim Vortrag Thomas Manns, trostlos der Alltag. Deplatziert sind die Gesänge der Sowjetsoldaten zu Ehren des sehr bourgeoisen Thomas Mann. Deplatziert genauso die albernen Aufführungen von Schlagern und Songs im Westen, beim abendlichen Vergnügen im Hotel in Frankfurt.

Was aber vor allem im Gedächtnis bleibt: Die letzte Szene im Film:
Erika und Thomas Mann im Auto auf der Rückfahrt von Weimar nach Frankfurt: Sie entdecken eine Kirche, eher eine halbe Ruine. Halten an, sie treten ins demolierte, aber noch stabile Gotteshaus ein, hören Orgelklänge: Oben auf der Empore erklingt Musik von Johann Sebastian Bach. Die beiden setzen sich in den leeren, verwahrlost wirkenden Kirchenraum, ein Bild des Verfalls und Zerfalls. Aber an einem religiösen Ort wollen die beiden eine Pause machen, eine Unterbrechung auf ihrer Reise im zerstörten Deutschland.

Erika und und Thomas Mann sitzen in der leeren verwahrlosten Kirche, halten einander sanft an den Händen fest: Der Organist oben auf der Bühne hat längst wahrgenommen, dass Besucher den leeren Kirchenraum betreten haben. Und er spielt ein ziemlich berühmtes Stück von Bach. Es ist eigentlich ein Choral, nur: der Chor fehlt.
Aber die Manns kennen das Stück, Thomas Mann war ja ein begeisterter Liebhaber der Bach Musik.
Was hören sie da in dem ruiniert erscheinenden Gotteshaus?  Diese Frage werden sich viele Besucher des Films hoffentlich gestellt haben: Und Pawel Pawlikowski lässt vielleicht bewusst die Zuschauer rätseln: Was ist das für eine schöne Musik… Es ist die Melodie des Chorals „Jesus bleibet meine Freunde“.
Man muss kein frommer Christ sein, um nicht von diesem stillen Bild des Films „Vaterland“ tief berührt, wenn nicht erschüttert zu werden: Es ist die Musik, die Bach – Musik, die spirituelle, sagen wir christliche Musik Bachs, die nun die Nähe der beiden Menschen vertieft, die vielleicht Hoffnung weckt, Hoffnung auf einen neuen Humanismus, von dem Thomas Mann in Frankfurt und Weimar sprach. Und wer mit der Melodie auch den Text des Chorals vergegenwärtigt, kann sich beim Betrachten des musikalischen Bildes sagen: Jesus ist nicht nur „meine Freude“, vielleicht ist er auch (m)ein Friedensstifter, wenn man denn den Mann aus Nazareth als einen herausragenden Menschen, einen Lehrer der Weisheit, wahrnimmt. Er kann als herausragender Mensch trösten…Und Anregungen geben für einen neuen Humanismus, von dem Thomas Mann sprach. Vielleicht, zeitgemäßer, für die universelle Geltung der Menschenrechte, zumal der Armen, zumal derer, die für die Gerechtigkeit kämpfen.

Wer den Choral auch mit Chor-Gesang hören will: Wir empfehlen die gut und kostenfrei erreichbare Aufführung des Vokalensembles des NDR, Dirigentin Heide Müller. Der Choral gehört zur Kantate (komponiert 1723) „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147).

Man bedenke, dass der Text einen – für uns Heutige – eigenen befremdlichen und gerade deswegen inspirierenden Reiz hat: Das Gedicht verfasste ein Dichter des 17. Jahrhunderts: Martin Jahn (1620-1682) ist sein Name. Diese Verbundenheit mit Jesus von Nazareth hat im Laufe der Jahrhunderte vielerlei Ausdruck gefunden. Wie finden heutige Verbundenheiten mit Jesus von Nazareth – falls es diese Verbundenheit noch gibt – ihren Ausdruck?

Der TEXT:
„Jesus bleibet meine Freude,
 meines Herzens Trost und Saft!
 Jesus wehret allem Leide,
 Er ist meines Lebens Kraft, 
meiner Augen Lust und Sonne,
 meiner Seele Schatz und Wonne;
 darum lass ich Jesum nicht
, aus dem Herzen und Gesicht.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Unruhen in Frankreich verstehen

Die Gewalt verurteilen, aber die vernünftigen Forderungen wahrnehmen
Ein Hinweis von Christian Modehn am 25. Oktober 2026

1.
Philosophieren und damit Philosophie leben niemals in einem abgeschotteten Bereich, in dem man sich als „Feingeist“ neutral aus der „Affäre zieht“ und gegenüber den politischen Forderungen der Gegenwart taub stellt.

2.
Auch die Unruhen in Frankreich, seit dem 17. Oktober und auch jetzt alles andere als abgeschlossen, verlangen kritisches, differenzierendes, philosophisches Nachdenken und Urteilen. Keine Frage: Tumult, brutale Gewalt, Plünderungen, brennende Häuser als Ausdruck radikalisierter Fanatiker sind überhaupt nicht zu akzeptieren. Aber genauso wenig ist es zu akzeptieren, dass maßgebliche Medien nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland, einseitig und voreingenommen die Schuld an den Unruhen der Partei „La France Insoumise“ („Das unbeugsame Frankreich“) geben und vor allem ihrem Parteiführer Jean – Luc Melenchon. Die „WochenTAZ“ vom 24.Oktober bringt einen erhellenden und ins Objektive führenden Beitrag des Journalisten und Autors Selim Nassi: 1946 in Beirut in einer jüdischen Familie geboren, hat er für verschiedene Zeitungen (etwa „Libération“) gearbeitet, er ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Wir empfehlen die Lektüre des ganzen Beitrags auf S. 5 der WochenTAZ bzw. im Internet: LINK.

3.
Wir zitieren einige zentrale Erkenntnisse des Beitrags von Selim Nassib, der unter dem Titel „Die Schuld der Macht“ veröffentlicht wurde.

4.
„Wer ist für das Chaos verantwortlich? Die Fakten deuten unmissverständlich auf das dem Ende entgegengehende Regime von Emmanuel Macron hin. Dieses hat das Land durch eine Mischung aus Angst, Dummheit und Fehlkalkulationen an den Rand des Abgrunds geführt. Seit dem Beginn der Mobilisierung der Schüler setzte Macron bewusst auf Repression. Dass Jugendliche, die friedlich gegen ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen protestierten, mit Tränengas und Schlagstöcken angegriffen wurden – wobei einer durch einen gezielten Schuss ein Auge und die Hälfte seines Kiefers verlor, während einem anderen durch eine Blendgranate die Hand abgerissen wurde –, sollte Angst verbreiten, von weiteren Demonstrationen abschrecken und den Protest im Keim ersticken. Es geschah das genaue Gegenteil. Die Schüler ließen sich nicht mehr bremsen: Ihre Bewegung breitete sich im ganzen Land aus, die Mobilisierung erfasste Lehrer, Eltern, „Gelbwesten“, Arbeitnehmer, Gewerkschaften … und der Aufstand gegen die hohen Lebenshaltungskosten verband sich mit dem der Jugend.“

5.
„Handelte es sich um ein Durcheinander, das völlige Inkompetenz offenbart? Oder war es gar Kalkül, das Chaos bewusst entstehen zu lassen – um sich in einem zweiten Schritt als Partei der Ordnung zu präsentieren und die Schuld dafür der Partei „La France Insoumise“ in die Schuhe zu schieben?…Nun enthüllte die Online-Tageszeitung Mediapart, dass die Regierung die Geheimdienste – und zwar ganz konkret – angewiesen hat, zu lügen, um LFI zu belasten. Prompt erklärte daraufhin die Pariser Staatsanwältin, sie könne eine Verwicklung der Ultralinken in die Gewalttaten „absolut nicht bestätigen“.
Das Manöver der Regierung erweist sich als derart verlogen und erbärmlich, dass sich selbst linke Parteien, die man gewiss nicht der Sympathie für „La France insoumise“ verdächtigen kann – wie etwa Raphaël Glucksmanns „Place publique“ oder die Sozialistische Partei von Olivier Faure –, gezwungen sehen, LFI in Schutz zu nehmen, wenn auch nur halbherzig.“

6.
„Wenn die Machthaber auf die Forderungen einzig mit roher Gewalt reagiert haben, dann deshalb, weil ihnen schlichtweg das Geld fehlt, um Schulen zu renovieren, das Bildungssystem zu reformieren oder die Lehrkräfte angemessen zu bezahlen. Die Kassen sind leer und das Land ist hoch verschuldet. Missmanagement? Zweifellos. Doch allgemeiner betrachtet: die verheerenden Folgen des Kapitalismus.
In diesem Jahr haben die großen französischen Unternehmen 70 Milliarden Euro an Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt. 70 Milliarden! Das ist weltweit die zweithöchste Ausschüttungssumme gleich nach den Vereinigten Staaten, während die Schüler den zur Lösung ihres Problems erforderlichen Betrag auf (lediglich) 10 Milliarden beziffern.
Das System gleicht einem gigantischen Staubsauger, der den nationalen Reichtum absaugt und in die Kassen der Besitzenden befördert – während immer mehr Familien den Gürtel enger schnallen müssen und Schulen, Krankenhäuser sowie sämtliche öffentlichen Dienste verzweifelt um Hilfe schreien.“

7.
„Wie man sieht, gehen die Auswirkungen der Krise in Frankreich weit über die nationalen Grenzen hinaus. Um es klar zu sagen: Eine internationale Koalition setzt sich weltweit nachdrücklich für einen Sieg der extremen Rechten ein – mit dem Kampf gegen die Einwanderung als zentralem Thema. Da die globale Erwärmung droht die Hälfte des Planeten unbewohnbar zu machen, wird es zwingend erforderlich, Barrieren zu errichten, um den Ansturm der Elenden – Muslime, Araber und etwa Mexikaner – auf die Festungen der Begüterten zu verhindern. Angesichts des Aufstiegs der AfD in Deutschland, der gefestigten Position von Giorgia Meloni in Italien und einer möglichen Machtübernahme des Rassemblement National in Frankreich droht Europa – in der Form, wie es sich seit dem Krieg entwickelt hat – der Zerfall.“

8.
„Ganz gleich, wie die Analysen und Warnungen ausfallen – es ist leider sehr wahrscheinlich, dass den französischen Wählern vom 17. Oktober vor allem die Bilder von Zerstörungen und Plünderungen im Gedächtnis bleiben, die in Endlosschleife im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken zu sehen sind. Daraus wird ein verzweifelter Wunsch nach Ordnung entstehen – ein Bedürfnis, das nur eine einzige Partei zu stillen vermag, zumindest auf der Ebene der Wunschvorstellung: der Rassemblement National.“
Soweit einige Zitate aus dem Beitrag von Selim Nassib, der Artikel für die WochenTAZ wurde Barbara Oertel aus dem Französischen übersetzt.

9.
Die rechtsradikale Partei „Rassemblement National“ (RN) und ihre Führerin Marine Le Pen gaben sich auch auf dem Parteitag in Orléans am 25. Oktober eher gemäßigt. Orléans, dies ist die Stadt der Jeanne d Arc, sie hat die Ausländer damals erfolgreich aus Frankreich vertrieben, welche ein „heiliges Vorbild“ für die Rechtsradikalen… Schon der notorische Antisemit und langjährige Parteiführer Jean – Marie Le Pen huldigte gern zusammen mit katholischen Traditionalisten in Paris die „heilige“ Jeanne d Arc, diese Kämpferin gegen die bösen Ausländer, damals waren es Engländer… Marine, die Tochter Le Pens, will unbedingt das konservative Milieu erreichen und so ihren Sieg bei den Präsidentschaftswahlen sichern. Darum ist sie etwas milde… Und die Fans, die in Orléans versammelt sind, wollen nur eins: „Nur die Ordnung“: Ihnen wurde von vielen Medien und den regierenden Parteien eingeredet: Diese bösen radikalen Schüler und Studenten wollen dir dein Eigentum wegnehmen… das berechtige und vernünftige Anliegen der vielen tausend friedlich Demonstrierenden wurde dabei bewusst außer acht gelassen…So läuft eben permanente Beeinflussung durch konservative Medien…

10.
Was aber ist die Ordnung, die eine rechtsradikale Präsidentin schaffen wird? Sicher nicht die Ordnung eines pluralen Rechtsstaates, in dem die Menschenrechte an oberster Stelle stehen. Es ist die Ordnung der Autoritären und Anti – Demokraten und Anti – Europäer… Gegen dieses Regime werden die vernünftigen Bürger dann rebellieren?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

Unbedingt!? Wo ist denn das Unbedingte im Leben?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14. Oktober 2026

Zur Einstimmung:
Der Hinweis „Unbedingtes im Leben verstehen“ will zeigen: Mitten im Leben sind wir Mensch mit der Erfahrung des Unbedingten konfrontiert. Was ist mit der Wahrnehmung des Unbedingten im Selbst – Bewusstsein sozusagen „enthalten“, ist auch eine Verbindung zum Göttlichen, zu Gott, gegeben?
Diese Frage bewegt viele Menschen, die in diesen Zeiten des Niedergangs des dogmatischen Kirchenglaubens in Europa eine Verbindung suchen mit einer vernünftig begründeten Transzendenz, einem Göttlichem, das sich im Geist der Menschen selbst zeigt. Dieses Göttliche entzieht sich selbstverständlich festlegender Definitionen.
Wir wurden auf dieses Thema erneut aufmerksam durch einen Aufsatz von Jürgen Habermas. (Fußnote 1).

Eine Erinnerung an den Begriff Unbedingtes: Ausgangspunkt kann dabei die Reflexion auf die Erkenntnis aller Objekte der Welt sein, diese verweisen auf anderes, sie bestehen nur unter der Voraussetzung von Bedingungen: Das Ding A gibt es, weil es das Ding B gibt und dieses, weil es ein Ding C gibt usw. Es gibt eine unendlich weite, lange Welt von endlichen Bedingtheiten. Aber dann die Frage: Zeigt sich in der Reflexion auf diese Bedingtheiten in ihnen selbst etwas Unbedingtes? „Leben die Dinge förmlich vom innewohnenden Unbedingten?“ Oder – ins Religionsphilosophische fragend: Wer oder was hat diese ganze bedingte Welt gesetzt? Wenn es dieses Setzende der vielen Bedingtheiten gibt, dann kann es nur als Unbedingtes gedacht werden, denn sonst würde es zur endlichen Welt der nur Bedingten gehören…

1.
Habermas nennt ein Beispiel aus der sprachlichen Kommunikation. In ihr zeigt sich Unbedingtes: „Niemand besitzt eine exklusive Verfügung über das gemeinsame Medium der Verständigung. Kein Teilnehmer (einer sprachlichen Kommunikation) kann alleine die Struktur oder gar den Verlauf von Prozessen der Verständigung und Selbstverständigung kontrollieren“, schreibt Jürgen Habermas (Seite 53). Darin wird Unbedingtes für alle Gesprächsteilnehmer erlebt. Sie stehen unter Ansprüchen der Kommunikation, über die sie als Gesprächsteilnehmer nicht verfügen.
Die Teilnehmer der Kommunikation können nicht der Bindung an das Gespräch bestimmenden unbedingten Anspruch entkommen:
Nicht nur die allen gemeinsame Verständlichkeit der Worte füreinander soll unbedingt gelten, sondern auch der Anspruch, einander die Wahrheit zu sagen: Menschen, die mit einander sprechen, binden sich also selbst an den Anspruch der Wahrheit, selbst wenn sie diese Bindung nur selten explizit wissen und einander mitteilen.
Auch der Lügner entkommt dieser Bindung an die Wahrheit nicht: Er glaubt für sich selbst in einem Gespräch, dass seine Worte seine, nur für ihn geltende Wahrheit ausdrücken. Und er behauptet den anderen gegenüber, die Wahrheit zu sagen.
Indem Habermas auf die Erfahrung des Unbedingten im alltäglichen Kommunizieren aufmerksam macht, will er das Unbedingte aus der Sphäre des Spekulativen befreien und in den menschlichen Alltag setzen.
Der Einsicht, immer gebunden zu sein an die Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen, sollte sich jeder stellen: Habermas spricht in dem Zusammenhang vom „Logos der Sprache“, also von der Vernunft, der geistigen Kraft der Sprache, die an Wahrheit bindet. Dieser „Logos“ bestimmt jeden Sprechenden, er ist eine ihm schon immer schon vorgegebene Tatsache, sie stellt sich in jeder Kommunikation wie von selbst ein.
Habermas geht noch weiter: Dieser Logos der Sprache macht „unser Selbstsein möglich“, schreibt er. Weil inmitten der Kommunikation Strukturen des Menschen sichtbar werden, etwa die Freiheit, die Wahrheit zu sagen, den anderen als anderen zu respektieren, den Dialog als Eröffnung der Welt zu erleben, das sind Strukturen des „Selbstseins“.
Die in der Vernunft erlebte Bindung, die Wahrheit zu sagen, ist insofern etwas Unbedingtes, weil sie sich menschlicher Manipulation entzieht, weil sie aus sich allein besteht: Man kann als permanenter Lügner diese in der Vernunft gegebene Bindung an Wahrheit zwar zeitweise stilllegen, aber man kann diese Bindung an Wahrheit nicht total abschaffen. Auch ein permanenter Lügner wird irgendwann selbst die Wahrheit sagen müssen, mitten im Alltag, etwa wenn er offen zugeben muss, erkrankt zu sein und Hilfe zu brauchen. Notorische Lügner wie Mister Trump werden nicht lügen, wenn eine Aktion Ihnen weiteren finanziellen Gewinn bringt.
Dieses „Bestehen (der Bindung an Wahrheit) aus sich selbst allein“ , ist für Habermas, die „gründende Macht unserer sprachlich konstituierten Lebensform.“ (ebd.)

2.
Habermas qualifiziert seine Überlegung zum „unbedingten Geltungsanspruch“ in der Kommunikation als eine, so wörtlich, „bescheidene Interpretation der gründenden Macht einer sprachlich konstituierten Lebensform“ (S. 53), er spricht aber „von einer Unbedingtheit in einem schwachen, prozeduralen Sinne“, „ohne ontologische Gewähr“: Das heißt: Diese Unbedingtheit hat für Habermas keinen Verweis auf eine ontologisch gegebene Unbedingtheit, die – etwa in einer klassischen Metaphysik – als Erfahrung der Präsenz eines Absoluten (einer göttlichen Substanz) inmitten des Lebens erfahren und verstanden werden könnte.
Wichtig ist für Habermas das Wort „prozedural“. Prozedural bedeutet: Die Gültigkeit eines Begriffes oder Wertes ergibt sich nur aus dem fairen Gespräch der Teilnehmer… und darauf können sich grundsätzlich alle einigen.
Der Begriff, der Wert „Unbedingtheit“ wird deswegen als gültig erklärt, weil sich alle in das Gespräch involvierten Menschen auf diesen Begriff einigen. Dass dadurch der Begriff Unbedingtheit in die freie Willkür der involvierten Menschen übergeben wird, ist bemerkenswert und sicher typisch für eine Philosophie, die der Säkularität verpflichtet ist und sich im immanenten, endlich begrenzten Raum aufhält. Es wird nicht mehr weitergefragt, woraus denn diese Unbedingtheit ihre von Menschen wahrgenommene Existenz bezieht: Metaphysisch bleibt die vorsichtige Frage: Kommt die Erforschung des Bedingten ohne ein Unbedingtes aus, das selbst keinerlei Bedingungen kennt, also so etwas wie eine schöpferische Kraft von allem und in allem verstanden werden könnte ??

3.
Weiterführend ein Hinweis auf einen Aspekt der Philosophie Immanuel Kants: zum Unbedingten im menschlichen Selbstbewusstsein.
Kant hat in seiner praktischen Philosophie, und zwar im „kategorischen Imperativ“, die entscheidende universell gültige Erkenntnis formuliert: Im Bewusstsein tritt uns Unbedingtes entgegen: Die kategorische Forderung stellt sich in der Lebenspraxis – wie von selbst – ein: „Handle nur nach derjenigen deiner Lebens-Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“
Das bedeutet: Das endliche Bewusstsein des bedingten Menschen ist fähig, eine unbedingte Forderung des moralischen Sollens in sich zu wissen. Das ist auch schon für eine Anthropologie von großer Bedeutung: Denn diese Erkenntnis setzt alle Menschen, endliche Menschen, in Erstaunen: Unbedingtes lebt im bedingten Menschen. Unser Bewusstsein verbindet Bedingtes und Unbedingtes, wenn wir uns auf die unbedingt geltende Erkenntnis des Kategorischen Imperativs einlassen.
Der Kategorische Imperativ hat für den Menschen nur Bedeutung und Sinn, weil ihm vom Menschen (als dem Bedingten) auch entsprochen werden kann, er kann geleistet werden in Freiheit. Sonst hätte die sich im Bewusstsein zeigende kategorische Forderung keinen Sinn.
Es gibt zweifellos Menschen, die dem Kategorischen Imperativ nicht entsprechen, man denke an die verbrecherischen Politiker der Gegenwart, die Kriegsherren, Multimilliardäre etc., sie können den Kategorischen Imperativ im Laufe ihres verbrecherischen Lebens sozusagen „kaltstellen“, aber gänzlich auslöschen können sie ihn nicht.
Die Erkenntnis sozusagen etwas griffig formuliert: Menschen haben das Unbedingte als Sollen sozusagen in sich. Und sie können dem im Handeln entsprechen, und dadurch einen positiven Zweck in der Welt realisieren: Erstrebt wird dabei das „Höchste Gut“, wie Kant sagt, ein Begriff, der explizit an das Symbol „Reich Gottes“ erinnert. (Siehe dazu etwa Jürgen Habermas in seiner Reflexion zum „Höchsten Gut“ in: „Zwischen Naturalismus und Religion“, Suhrkamp, 2005, S. 224.)

4.
In seinen posthum veröffentlichten Notizen geht Kant noch weiter:Darin identifiziert Kant die moralische Pflicht des Menschen, die sich im Kategorischen Imperativ zeigt, mit Gott selbst. Kant denkt also den im Menschen, in seiner Vernunft, immanenten Gott. Die „Internet Encyclopedia of Philosophy“ hat diesen Aspekt der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie des alten Kant weiter entfaltet: Gott wird förmlich mit dem „inneren vitalen Geist des Menschen in der Welt identifiziert. (Quelle: https://iep.utm.edu/kant-rel/#H7==

5.
Zu unserem Hinweis über das Unbedingte inmitten des menschlichen Lebens gehört auch eine Reflexion auf die „Trias“, also die so genannten drei „Transzendalien“, also das Wahre, Gute und Schöne. Es werden Strukturen sichtbar, die in jedem lebendigen geistigen Vollzug tätig anwesend sind. Sie sind Strukturen, die im Vollzug des Denkens stets wie von selbst wiederkehrend wirken und die von der menschlichen Freiheit nicht auszuschalten sind. Diese Strukturen sind Qualitäten der Vernunft, sie zeigen sich in der Vernunft, sind ein Kennzeichen der Vernunft: Sie bestehen aus sich selbst, sind nicht von bestimmten Dingen bedingt. Es handelt sich um die Bindung jeder Erkenntnis und Handlung an den formalen Anspruch, wahr, schön und gut zu sein. Jegliche Behauptung muss sich des formalen Anspruchs bedienen, wahr, schön und gut zu sein. Diesem Anspruch entkommt niemand, auch nicht der Übeltäter, der für sich glaubt und dies gegenüber anderen behauptet, gerade im Verbrechen noch für sich selbst Gutes zu tun. Diesem Anspruch entkommt auch nicht der Lügner, der für sich glaubt, in der Lüge Wahrheit zu sagen; auch nicht der Freund von Kitsch oder Widerwärtigem, Häßlichen: Er ist überzeugt, nach seinem Geschmack etwas Schönes zu schätzen und zu verehren.

6.
Über die Menschenrechte und das Völkerrecht wäre in unserem Zusammenhang zu sprechen, also über die Frage nach dem Unbedingten inmitten der geistigen Lebenspraxis. Formuliert der erste Satz des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ etwas Unbedingtes, etwas unbedingt Geltendes? Sicher ist das so als Leitlinie gemeint, bevor im einzelnen gefragt wird was ist die Würde, wann ist ein Mensch ein Mensch, und was bedeutet unantastbar, unantastbar von wem? Dieser Artikel 1 des Grundgesetzes darf niemals gegenüber anderen Interessen des Staates oder der Gesellschaft abgewogen oder relativiert werden. Es gibt zudem den Artikel 79, dort Absatz 3 des Grundgesetzes: Dort ist von einer Ewigkeitsklausel die Rede: Diese Ewigkeitsklausel schützt den ersten Satz des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Diese Erkenntnis gilt unbedingt, sie darf niemals geändert oder gar abgeschafft werden.

Das heißt: In dem säkularen demokratischen Staat Bundesrepublik Deutschland gibt es in der Verfassung gleich zu Beginn die Dimension des Unbedingten…Und wenn dieser „erste Satz“ im Grundgesetz auch eine Basis der universell geltenden Menschenrechte ist: Dann gilt es zu überlegen, was die Unbedingtheit der Menschenrechte philosophisch bedeutet und in welche metaphysischen Dimensionen wir da möglicherweise geführt werden….

Zur Vertiefung siehe unseren Hinweis zur Vernunftreligion als der Religion der einen Menschheit: LINK

Fußnote 1:
Über Unbedingtheit spricht Jürgen Habermas in einem Vortrag im Jahr 2000, anläßlich eines Kolloquiums über den Philosophen Jacques Derrida. „Wie die ethische Frage zu beantworten ist: Derrida und die Religion“, in: Habermas, „Ach, Europa“, Suhrkamp, 2008, S. 40 – 62.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)

Philippe Sands: Die Rede am 11.10.2026 in der Paulskirche, Frankfurt

 

Der TEXT der Rede von Philippe Sands in der Paulskirche am 11.10.2026 ist tatsächlich im Internet erreichbar: https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/alle-preistraeger-seit-1950/2020-2029/philippe-sands#c5146

Wir zitieren einen besonders wichtigen Teil der Rede von Philippe Sands:

„Frieden braucht Gerechtigkeit. Gerechtigkeit braucht Regeln. Regeln brauchen das Recht. Und das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv. Genau das meint das Rechtsstaatsprinzip. Doch das Recht agiert nicht im luftleeren Raum. Das habe ich gelernt. Autor*innen und Literatur haben eine Funktion, indem sie uns an Orte bringen, wo Anwälte und Richterinnen nicht auftreten. Wie Haffner anmerkte: Als die Legalität verschwand, verschwand auch die »Welt der Bücher und der Diskussionen«. Dies ist ein Thema meines jüngsten Buches, Die Verschwundenen von Londres 38, über die Ära Pinochet. Während dreier Jahrzehnte versäumten es die chilenischen Gerichte, sich mit den Verbrechen zu beschäftigen, also brachen die Autor*innen das Schweigen. Pablo Neruda sagte es voraus, dann erzählten Bruce Chatwin, Pedro Lemebel und Roberto Bolaño.
So ist es heute wieder, weil Nationalismen und Populismen Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und mehr hervorbringen. Grenzen werden verletzt, Zivilist*innen ins Visier genommen, Verbrechen begangen, Kräfte entfesselt, rechtsfreie Räume geschaffen. Auch die Natur wird angegriffen, wie der Klimanotstand dieses Sommers bestätigte. Im April nächsten Jahres werde ich The Fifth Crime veröffentlichen, einen Appell, den vier internationalen Verbrechen bzw. Völkerstraftaten, die uns Menschen schützen, ein weiteres hinzuzufügen. Auch diejenigen, welche die Natur zerstören, sollten zur Rechenschaft gezogen und vor ein internationales Gericht gestellt werden. Inspiriert von Autor*innen wie Rachel Carson und Christopher Stone, heißt dieses Verbrechen ›Ökozid‹.

Und als wären unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und die Zerstörung der Natur, die uns erhält, nicht genug, beschließen wir, eine neue Abhängigkeit zu entwickeln: von Technologien und künstlichen Intelligenzen, die uns zu vernichten drohen. Die Conditio humana, gefangen zwischen Anstand und Zerstörung – das ist so absurd, das kann man sich nicht ausdenken. Wie soll man es erklären? Lesen Sie den Anfang von Éric Vuillards Roman Die Tagesordnung – eine Versammlung von führenden Industriellen macht ihren Frieden mit Herrn Hitler – und sehen Sie sich dann die Ansammlung führender Tech-Mogule bei der Amtseinführung des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten an, die ihren eigenen Frieden machen. Ehrgeiz, Gier, Narzissmus, fragile männliche Egos. Plus ça change, plus c’est la même chose – je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich. Round and round we go – wir drehen uns im Kreis. Was ist zu tun?
Jede Gemeinschaft hat ihre Regeln, die internationale Gemeinschaft ist da nicht anders. Es nennt sich Völkerrecht, und es existiert seit Jahrhunderten. Die meisten der Regeln funktionieren gut. Sie sind nicht im Begriff zu verschwinden, auch wenn einige ernsthaft verletzt werden. Jetzt ist die Zeit, für sie einzutreten, nicht zu schweigen; Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, unsere Prinzipien hochzuhalten, auf sie zu bauen. Zeit, um zu widerstehen, nicht um zu verzagen, denn für das Rechtsstaatsprinzip braucht man einen langen Atem. Dies ist die Lektion von Lauterpacht und Lemkin. Wenn der Feind uns bei der Kehle packt – wie Spencer Tracy in dem Film Urteil von Nürnberg erklärt –, ist es an der Zeit, unsere Prinzipien zu verteidigen. Und zu diesen Prinzipien gehört die Sprache des Rechts.

Vor einigen Jahren vertrat ich einen Abschnitt des Falles, der von Gambia vor den Haager Gerichtshof gebracht worden war, das Myanmar genozidaler Handlungen gegen die Gemeinschaft der Rohingya beschuldigte. Mir gefiel nicht viel von dem, was meine Gegenspielerin, eine Nobelpreisträgerin, an jenem Tag im Gericht sagte, aber eine Zeile war denkwürdig: »Es kann durchaus sein, dass das Völkerrecht unser einziges globales Wertesystem ist«, sagte Aung San Suu Kyi zu den Richtern. Sie hatte recht. Ich bin nicht blauäugig, das Völkerrecht ist nicht perfekt, uneingeschränkt wirksam oder gefeit gegen Äußerungen roher Gewalt. Aber eine Welt ohne Regeln ist unsinnig. Und diese Regeln sind nicht bloß für andere da, für unsere Feinde. Sie sind universell. Sie sind auch für uns da und unsere Freunde.

Was mich wieder auf Deutschland bringt, das sich wie kein anderes Land mit den Verbrechen seiner Vergangenheit beschäftigt hat und mich zu dem gemacht hat, der ich bin. Doch da hängt eine schwere Last der Verantwortung, wie der Albatros, der um den Hals des alten Seemanns hängt, in Samuel Taylor Coleridges denkwürdigem Gedicht.1
Die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023 waren entsetzlich. Sie erinnerten an die Pogrome, die Raphael Lemkin veranlassten, das Wort ›Genozid‹ zu erfinden. Ich war zutiefst schockiert an jenem Tag, doch ich fürchtete auch das, was folgen würde. Zusammen mit anderen britischen jüdischen Anwälten – darunter ein früherer Präsident des Obersten Gerichtshofs – schrieben wir eine Kolumne für die Financial Times. Wir stellten drei Punkte klar:
1. Die Taten der Hamas auf dem Staatsgebiet Israels waren eine ungeheuerliche Verletzung grundlegender Normen des Völkerrechts.
2. Wie jeder Staat hat Israel das Recht, in Selbstverteidigung zu reagieren.
3. Dieses Recht ist nicht unbegrenzt und muss innerhalb der Grenzen des Völkerrechts ausgeübt werden.
Ich halte an diesen drei Punkten fest und bedauere, dass unsere Befürchtungen sich bewahrheiteten. Völkerstraftaten wurden am 7. Oktober auf dem Territorium Israels und anschließend auf dem Territorium Palästinas, im Gazastreifen und im Westjordanland begangen. Die Bezeichnung, die man diesen Verbrechen geben soll, ist umstritten. Lemkin hätte wahrscheinlich beide als ›Genozid‹ bezeichnet, aber seine Definition legte die Messlatte niedriger als die später in der UN-Völkermordkonvention von 1948 angenommene. Der Internationale Strafgerichtshof hat Führer auf beiden Seiten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, aber nicht – zumindest vorerst nicht – wegen Völkermord.

Südafrika hat am Internationalen Gerichtshof, einem anderen Gericht in Den Haag, eine Klage eingereicht. Sie unterstellt einen Völkermord im Gazastreifen. Im nächsten Monat wird dieses Gericht sein Urteil im Fall Gambia vs. Myanmar fällen. Seine Interpretation und Anwendung der Konvention von 1948 wird erkennen lassen, ob Südafrika Erfolg haben oder scheitern wird.
Wie auch immer die Entscheidungen aussehen werden, die Debatte über Bezeichnungen ist, so fürchte ich, ein nutzloses Ablenkungsmanöver. Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten. Töten als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist nicht weniger schwerwiegend als ein Völkermord. Dies sind alles schreckliche Verbrechen. Sie verlangen nach Verantwortlichkeit und müssen angeprangert werden, und diejenigen, die anprangern – ganz gleich, welche Bezeichnung sie verwenden –, sollten nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden, nur weil sie ihre Rede- und Meinungsfreiheit ausüben. Autorinnen und Journalisten, Sänger und Dichterinnen, Filmemacher und andere müssen ihre Geschichten erzählen können.
Die Tatsache der Verbrechen zum Schweigen zu bringen ist unanständig. Diejenigen zum Schweigen zu bringen, die versuchen, die Verbrechen anzuprangern, ist unanständig. Deutschland hat viele Gräuel angeprangert und ist aktiv geworden, von den Jesid*innen bis zu den Uigur*innen, von Syrien bis Iran, von Myanmar bis Sudan und der Ukraine.
……..

„Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut. Zugleich sind die Debattenbeschränkungen beunruhigend. Dies umso mehr nach dem eindeutigen Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 2024 zum palästinensischen Selbstbestimmungsrecht. Großbritannien, Kanada, Frankreich und andere haben seitdem einen palästinensischen Staat anerkannt. In jüngster Zeit haben sie Sanktionen verhängt, der britische Außenminister hat die Handlungsweise in den besetzten Gebieten als ethnische Säuberung bezeichnet.
Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?

Die Literatur hilft uns zu verstehen, warum es schwierig sein kann, die Wahrheit zu sagen. In Die Rattenlinie schrieb ich über den Sohn eines Nazi-Gouverneurs, der die Verwicklung seines Vaters in Massenmord anerkennt, aber unfähig ist, ihn als Verbrecher zu bezeichnen. In scharfem Gegensatz dazu hat die Enkelin des Gouverneurs die Kraft gefunden, die Tatsachen beim Namen zu nennen. Das ist Mut.

Ich verstehe, dass die Identität eines Sprechers und seine frühere Handlungsweise von Bedeutung sind. Mir ist auch bekannt, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen. Das ist richtig, auch wenn es noch sehr zögerlich und verhalten geschieht. Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht ›Anti-Israel‹. Es ist die Wahrheit.
Und eine echte, nicht rassifizierte ›Staatsräson‹ für Deutschland, achtzig Jahre nach Nürnberg, muss doch wohl das Schweigen über Völkerstraftaten brechen, wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden, auch wenn es Freunde, vor allem, wenn es Freunde sind. Das schließt Verbrechen ein, die vielleicht von einem Staat begangen werden, der gegründet wurde, um Individuen zu schützen, die Handlungen im Namen des deutschen Staates erlitten. Jahrzehnte später sind auch diese ›unbegreiflich‹.

Schweigen – und Schweigen über Verbrechen – ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe. Die Bücher sind eine Form von literarischer Verteidigung gegen das Schweigen. Das Schweigen der Familie. Meines und das von anderen auf der Opferseite und auf der Täterseite. Das Schweigen von Gemeinschaften, auch von politischen und religiösen Institutionen. Das Schweigen von Ländern. Wie das von Großbritannien wegen seines kolonialen Erbes, wie in meinem Buch Die letzte Kolonie geschildert, über Chagos und Mauritius oder über die Unruhen in Nordirland. Oder Chile oder Ruanda oder Serbien, das kürzlich zuließ, dass ein verurteilter Völkermörder mit militärischen Ehren beigesetzt wurde.
Was ich weiß, ist dies: Schweigen ist nicht der Weg. Nicht für eine Familie. Nicht für eine Gemeinschaft. Nicht für ein Land. Und genau hier kommen Recht und Literatur zusammen, indem sie Geschichten erzählen, Denkanstöße geben, den Mächtigen die Wahrheit sagen, Vorurteilen und Doppelmoral entgegentreten, Dinge ausgraben, die manche gern verbergen würden…“

 

Nebenbei, aber wichtig:: Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und die Justiziministerin, beide in der ersten Reihen sitzend, haben zur Kritik von Philippe Sands an der Politik Deutschlands gegenüber dem verbrecherischen Verhalten der Regierung Israels gegenüber den Palästinensern im Gaza – Streifen keinen Beifall bekundet, das zeigten die Bilder der Life – Übertagung in der ARD deutlich. Man kann sich für dieses Verhalten selbstverständlich hinter diplomatischen Üblichkeiten verstecken, ob diese Enthaltung des Beifalls an dieser Stelle noch sinnvoll und von Wahrhaftigkeit bestimmt war, ist die Frage. Sie hat ja Philippe Sands beantwortet.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Saloin Berlin

Aktualisiert am 19. Oktober 2026 durch CM

Die „Stille Hilfe“ zugunsten der Nazi – von Bischöfen unterstützt…

Ein Hinweis von Christian Modehn am 8. Oktober 2026

1.
Am Sonntag, dem 11.Oktober 2026, erhält der Menschenrechtsanwalt und Autor Philippe Sands den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Uns ist Philippe Sands wegen seines wichtigen Buches über die „Rattenlinie“ in guter Erinnerung, „Rattenlinie“ ist bekanntlich die von Nazi – Freunden, auch von Klerikern in Rom, organisierte Fluchtroute von Nazis nach 1945.

2.
Wir haben uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin – unseren Interessen an Kirchen und Religionen entsprechend – mit einer zum Thema „Hilfe für Nazis nach 1945“ passenden Gruppierung befasst: der „Stillen Hilfe“, die angesichts der „Rattenlinie“, in die der Vatikan auch heftig involviert war, nicht so stark im Focus der Aufklärung und Kritik steht. Wir haben uns mit der „Stillen Hilfe“ zuerst in einem Essay über den Roman von Sorj Chalandon „Verräterkind“ im März 2023 auseinandergesetzt: LINK.

Ernst Klee zeigt: Dass vor allem auch evangelische Bischöfe und Pfarrer mit der „Stillen Hilfe“ eng verbunden waren, in: „Fischer Taschenbuch, 1991, „Persilschein und falsche Pässe“, S. 109 – 118.

3.
Für uns und viele andere Demokraten ist es sehr wichtig zu sehen und dies immer wieder auch zu sagen: Die Bundesrepublik Deutschland und Teile der beiden großen Kirchen waren von Anfang sehr von Nazis und Nazi – Ideologen und Nazi – Unterstützern durchdrungen.

4.
Damit diese Zusammenhänge : Nazis und BRD“ bzw. Nazis und Kirchen nach 1945 nicht vergessen wird, zitieren wir hier das 8. Kapitel unseres genannten Essays:
„Nach 1945 sammelten sich in der BRD Nazi-Freunde in einem Verein, um ihre geliebten Nazi-Verbrecher zu schützen und zu stützen. Sie nannten ihren Verein „Stille Hilfe“. Zu den „Betreuten“ der „Hilfe“ gehörte auch Klaus Barbie. In ihrem zweiten Rundbrief aus dem Jahr 1991 meinten die „Stillen Helfer“ , Barbie habe „im Kriege seinen Dienst für die deutschen Besatzungsaufgaben getan“.(Quelle: DER RECHTE RAND, Nr. 15 vom  Januar / Februar 1992, S. 3 ff.).
Die Gründung der „Stillen Hilfe“ fand 1949 in München statt, im Haus der Erzbischöflichen Ordinariates München mit Weihbischof Neuhäusler unter dem Titel »Komitee für kirchliche Gefangenenhilfe«, aus dem dann 1951 die „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e.V“ hervorging, gegründet von Helene Elisabeth Prinzessin von Isenburg. Bischof Neuhäuslers Rechtsberater und Geschäftsführer des Komitees, Rudolf Aschenauer, vertrat vor Gericht Kriegsverbrecher und war im rechtsextremen Milieu aktiv..
Präsidentin des Nazi-Vereins „Stille Hilfe“ war Helene Elisabeth Prinzessin von Isenburg (* 6. April 1900 in Darmstadt als Gräfin von Korff genannt Schmising-Kerssenbrock; † 24. Januar 1974 in Heiligenhaus)
Sie hatte am 30. April 1930 Wilhelm Prinz von Isenburg und Büdingen (1903–1956) geheiratet, der 1937 Professor für Sippen- und Familienforschung in München wurde und die Rassenideologien des NS Regimes vertrat. Sie selbst wurde von der Hitler Partei als „politisch zuverlässig“ eingestuft.
Auch hohe protestantische Geistliche (wie Bischof Theophil Wurm, 1888-1953) gehörten zur „Stillen Hilfe“, aber vor allem der hohe katholische Klerus ließ sich seine Hilfsbereitschaft für Nazis nicht nehmen: Im Jahr 1955 wurde der Kölner Weihbischof Wilhelm Cleven (1893-1983) ins Präsidium der „Stillen Hilfe“ berufen.
Der die Nazis fördernde Verein wurde als „gemeinnützig“ anerkannt: „Bis 1993 war der Verein, der in dieser Zeit 27 Mitglieder und ein paar Hundert Spender zählte, als gemeinnützig anerkannt. Der Verfassungsschutz stufte ihn als „harmlos“ ein. Nach außen sprach Gudrun Burwitz (die Tochter Heinrich Himmlers) nicht darüber: Sie helfe, wo sie könne, sagte sie 1998 der „Times“. Mehr gab sie nie preis, SPIEGEL am 29.6.2018 (Quelle: LINK).
Gudrun Burwitz trat schon 1951 der „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte“ bei und galt als Prominente unter den „stillen HelferInnen“… Sie unterstützte etwa Klaus Barbie (den „Schlächter von Lyon“) und Martin Sommer (dem „Henker von Buchenwald“). Sie sicherte Anton Malloth, einem besonders grausamen Aufseher im KZ Theresienstadt, eine langfristige Unterkunft, finanzielle Unterstützung und Rechtsbeistand, sie verhalf ihm zu einem gemütlichen Leben in Italien und dann in einem Pflegeheim in Bayern … bis zu seinem Prozess und seiner Verurteilung.
5.
Wir ergänzen am 8. 10. 2026 den kurzen Hinweis um einige weitere Fakten, die von Historikern dringend weiter erforscht werden sollten, um die Präsenz der Nazis in der (frühen) Bundesrepublik freizulegen: Sozusagen, zynisch gesprochen, als erstes Kapitel der Präsenz der Rechtsextremen in Deutschland, dann folgt jetzt das zweite Kapitel : „Die Präsenz der Rechtsextremen in der (späten) Bundesrepublik Deutschland“… seit den Wahlen in Sachsen – Anhalt..

6.
Der Verein stille Hilfe“ gab sich in seiner Satzung als rein humanitäre Hilfsorganisation aus. Der Zweck war offiziell die „seelsorgerische, rechtliche und materielle Unterstützung“ von Kriegsgefangenen und Internierten.“
Der Verein „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e. V.“ wurde im Oktober 2024 offiziell als nicht mehr existent bezeichnet, d.h. das Registerblatt des Vereins wurde „geschlossen“, d.h als Verein gelöscht… 1990 hatte der Verein noch ca. 100 Mitglieder, 2006 sollen es 40 gewesen sein.

7.
Weihbischof Johannes Neuhäusler, 1888 – 1973, im Erzbistum München – Freising als Weihbischof seit 1947!)) spielte bei der Gründung des Nazi – Unterstützers Vereins „Stille Hilfe“ die entscheidende Rolle. Obwohl er unter der Nazi – Herrschaft gelitten hat, und in den KZs Sachsenhausen und Dachau interniert war, unterstützte er nach 1945 Nazi – Kriegsverbrecher und half beim Untertauchen dieser Leute. Neuhäusler heftige Kritik an den Nazi war auf die Vergehen der Nazis gegen die katholische Kirche fixiert. Dieses Ausblenden der öffentlichen Verteidigung der bedrohten und vernichteten Juden durch den Priester Johannes Neuhäusler gibt sehr zu denken:
Von einem expliziten Eintreten für die verfolgten Juden kann keine Rede sein. Neuhäusler wollte auch in seinen Büchern die katholische Kirche als „Widerstands. – Organisation“ eher glanzvoll, aber historisch falsch, erscheinen lassen.
Siehe den LINK: Von der NS Doku – München mit einem Foto.

8.
Niemand unter den katholischen Bischöfen der BRD widersprach, als Bischof Neuhäusler sein Engagement für die „stille Hilfe“ ausbaute. Sie dachten: dieser Bischof war doch ein Widerstandskämpfer (der aber nichts für den Schutz der Juden sagte…), der kann nicht irren…
Nebenbei: In dem „Gutachten“ zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum München und Freising (2022 veröffentlicht) wird Weihbischof Neuhäusler bewusste Untätigkeit in der Bestrafung eines Sexualstraftäters im Priesterstand nachgewiesen.

9.
Über Weihbischof Wilhelm Cleven (Erzdiözese Köln) wäre genauer zu forschen, er lebte von 1893 bis 1983, als Weihbischof in Köln seit 1950. Weihbischof Cleven wurde 1955 ins Präsidium der „Stillen Hilfe“ berufen. So konnte dieser Nazi Verein (e.V.) als bürgerlich – katholische Organisation auftreten, die „Stille Hilfe“ wird als gemeinnützig anerkannt, und vom Verfassungsschutz als harmlos eingestuft. Weihbischof Cleven half, als Bischof hoch geachtet, Gelder für diesen Club der Nazi – Freunde zu sammeln zugunsten der NS Kriegsverbrecher und SS Leute.

10.
Die Vorgesetzten dieser Weihbischöfe, also die Erzbischöfe in Deutschland, unternahmen nichts gegen die beiden Kleriker Neuhäusler und Cleven, diese Erzbischöfe ließen es zu, dass die beiden prominent die „stille Hilfe“ für Nazi – Kriegsverbrecher und SS Führer unterstützten. Die Bischöfe insgesamt betrachteten etwa die „Nürnberger Prozesse“ usw. als Ausdruck der Siegerjustiz.
Die braune Vergangenheit des Klerus in der BRD ist ein noch nicht umfassend bearbeitetes Thema, die braune Vergangenheit vieler Größer der Evangelischen Kirche ebenso…Es handelt sich um ein Tabu – Thema.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Aktualisiert am 15. Oktober 2026 durch CM

Die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ in der katholischen Kirche und ihre verbrecherischen Gründer

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4. Oktober 2026

Wer den aktuellen Zustand der katholischen Kirche verstehen will, sollte genau, das heißt SEHR kritisch, die vielen „neuen geistlichen Gemeinschaften“ im Katholizismus beobachten. Sie wollten Europa neu missionieren. Aber sie sind unglaubwürdig und scheitern, weil viele ihrer Gründer (und auch heutige Mitglieder) des sexuellen und spirituellen Missbrauchs überführt wurden. Auch diese einst hoch gelobten „Bewegungen“ sorgen dafür, dass die katholische Kirche unglaubwürdig wird. Dass sich Katholiken ihre eigene Spiritualität suchen.

1.
Es werden (Stand 30. September 2026) immer mehr „Fälle“ sexuellen und spirituellen Missbrauchs durch führende e Priester und Laien der „neuen geistlichen Bewegungen“ öffentlich bekannt, zunächst fast immer begleitet von Verschweigen und Verharmlosen durch die Kirchenführung im Vatikan und in den Bistümern weltweit.
In den ersten Jahren der Freilegung sexuellen Missbrauchs durch Priester, also in Deutschland seit 2010, waren es vor allem Diözesan – Priester oder Priester aus den „klassischen Ordensgemeinschaften“ (Jesuiten, Benediktiner, Franziskaner usw.), die als Täter bekannt und benannt wurden.
Seit etwa 15 Jahren sind immer wieder Fälle von sexuellem Missbrauch oder/und spirituellem Missbrauch in den zahlreichen so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“ öffentlich bekannt, und diese Verbrechen werden von diesen Organisationen sowie sogar von der Kirchenzentrale im Vatikan – zwar mit viel Mühe – und oft sehr verspätet – eingestanden.
Diese nun freigelegten unglaublich genanten Fälle von sexuellen Missbrauch zeigen: Die Römisch – Katholische Kirche (um nur bei ihr zu bleiben) ist innerlich, d.h. wegen ihrer viel gerühmten sehr frommen, sehr geistlich sich nennenden Bewegungen zerrissen. Die Kirchenführung versucht nämlich zu überleben, indem sie im 21. Jahrhundert die alten Gebräuche, wie Reliquien -Verehrung, Propaganda zugunsten Erscheinungen der Jungfrau Maria in Lourdes, Fatima…, die Wallfahrten, Ablässe, den Papst – Jubel – Feiern der Massen belebt, so wird der schöne Schein erzeugt: Die Kirche lebt „wie immer“, undemokratisch in ihrer Struktur, klerikal beherrscht, aber jetzt doch auch ein bißchen „synodal“… Aber das hat keinen „Erfolg“: In Europa verlassen Katholiken zu vielen Tausend die Kirche, die Erwachsenentaufen bringen da keinen „Ausgleich“.
In diesem Hinweis geht es also um Verbrechen inmitten einer sich ungebrochen immer noch stolz wähnenden Papst – Kirche, die ihre Identität immer noch in der uralten Kostümierung der Päpste, Kardinal und Bischöfe sichtbar protzig erscheinen lässt.

2.
Bevor wir auf ein aktuelles Beispiel sexuellen Missbrauchs durch den argentinischen Ordensgründer Miguel Buela näher hinweisen, eine kurze allgemeine Erläuterung: Es geht um die, von Päpsten seit etwa 70 Jahren hoch gelobten und offiziell stark geförderten, „neuen geistlichen Gemeinschaften“. Dazu gehören s Ordensgemeinschaften für Priester, wie die „Legionäre Christi“ oder die „Diener Jesu und Mariens“ oder die „Communauté St. Jean“ sowie viele andere, eher regional begrenzte neu gegründete Gemeinschaften auch für Nonnen. Und dann gibt es zahlenmäßig sehr starke internationale Laien -Bewegungen, die sich neue geistliche Gemeinschaften“ nennen, wie die Neokatechumenalen“, die „Focolarini“, die Leute von „Communione e liberazione“ und so weiter und so weiter. Es sind „Bewegungen“, die weltweit einige Millionen Katholiken als Mitglieder und Sympathisanten haben.

3.
Um nur ein konkretes Beispiel in der Diözese Toulon – Fréjus (Departement VAR in Frankreich) zu nennen:
Diese neuen geistlichen Gemeinschaften dort haben – wie überall – den einen Zweck: Sie wollen die klassische dogmatische Lehre der katholischen Kirche als werbende Missionare verbreiten; sie wollen vor allem junge Männer als Priester, junge Frauen als Nonnen für ihre Gruppen gewinnen. Sie wollen Familien bilden, die zu 100 Prozent römisch – katholisch sind. Sie ersetzen – wie auch in Italien, Spanien, Österreich, natürlich auch in Deutschland, den überalterten Klerus, der zwar alt, aber dem theologischen Denken nach oft etwas modern geblieben ist. Hingegen haben die meisten der neuen geistlichen Bewegungen zwar noch junge Mitglieder, die aber in ihrem theologischen und politischen Denken alt erscheinen und theologisch sehr stramm traditionell gebunden sind.
Um also nur ein konkretes Beispiel von der Vielfalt dieser Gemeinschaften zu bieten: Ein Blick in die Diözese Toulon – Fréjus (Departement VAR in Frankreich): Laut offizieller Website der Diözese sind in diesem südfranzösischen Bistum diese „neuen geistlichen Gemeinschaften“ aktiv: LINK : Gelesen am 30.9.2026.

4.
Cancao Nova, https://frejustoulon.fr/diocese/communautes/cancao-nova/
Communauté de l Emmanuel https://frejustoulon.fr/diocese/communautes/emmanuel/
Communauté Saint-Martin
Communauté Shalom
Famille missionnaire de Notre-Dame
Franciscaines de Sainte-Marie des anges
Fraternité Eucharistein
Fraternité de Saint Joseph Gardien
Frères de Saint-Jean
Fraternité Missionnaire Marie Mère des Apôtres
Fraternité Missionnaire Jean-Paul II
Institut du Verbe Incarné
Institut Mère du Divin Amour
Les frères franciscains de l’Immaculée
Missionnaires de la Miséricorde Divine
Missionnaires de la Très-Sainte-Eucharistie
Moniales de Bethléem, de l’Assomption de la Vierge…
Petites Sœurs de la Consolation
Recado
Servants et Servantes de Jésus Sauveur
Servantes du Seigneur et de la Vierge de Matará

Das „Opus Dei“ ist vor allem in den benachbarten Diözesen tätig; die „Neokatechumenalen“ leiten in Toulon ein Priesterseminar, siehe LINK. https://frejustoulon.fr/diocese/le-seminaire-redemptoris-mater/

5.
Meines Wissens hat Papst Leo auf seiner „Pilgerfahrt“ in Frankreich Ende September 2026 die vielen influßreichen, aber höchst umstrittenen „neuen geistlichen Gemeinschaften“ NICHT erwähnt. Wohl aus diplomatischer Vorsicht, um das Bild der französischen Kirche nicht noch weiter zu belasten… Dabei bestimmen diese Kreise das Leben der Kirche in Frankreich heute, etliche französische Bischöfe waren und sind Mitglieder dieser neuen Bewegungen. Der inzwischen von Papst Franziskus abgesetzte Bischof Dominique Rey von Toulon – Fréjus gehört der charismatischen Emmanuel – Gemeinschaft an. Die katholische, um Objektivität bemühte Tageszeitung „La Croix“ (Paris) berichtet über die auch politisch rechtslastigen Aktivitäten des nun in Paris lebenden „pensionierten“ Bischofs Rey: „Seit März 2025 lebt Bischof Dominique Rey in der Pfarrei Notre-Dame-des-Champs im 6. Pariser Arrondissement, wo er kein offizielles Amt innehat. Gleichzeitig verfolgt der emeritierte Bischof zahlreiche Projekte: Er ist Mitautor eines Theaterstücks über die Vaterschaft, das im Dezember 2025 aufgeführt wurde sowie eines Buches, das im November 2025 erschien („Mes choix, mes combats, ce que je crois“) ….Bischof Rey ist beteiligt an der Gründung des konservativen Thinktanks „The French Riviera Institute“; er hat die geistliche Schirmherrschaft über das „Institut für Apologetik Saint-Irénée“, das gemeinsam vom traditionalistischen Priester und Influencer Matthieu Raffray und dem katholischen Unternehmer Olivier Bonnassies ins Leben gerufen wurde…“
LINK

6.
Zum aktuellem „Fall“ des heftigen sexuellen Missbrauchs (im Plural zu verstehen) durch den argentinischen Ordensgründer Pater Miguel Buela: Der „Fall“ ist deswegen wichtig, weil der damalige Chef der obersten Glaubensbehörde, Kardinal Joseph Ratzinger und auch Ratzinger als Papst Benedikt XVI. darin als wichtiger Akteur zugunsten des Paters Miguel Buela und seiner Gemeinschaft „verwickelt“ ist!

7.
Der argentinischen Priester Miguel Buela gründete im Jahr 1984 in San Rafael, Provinz Mendoiza, seinen Priester – Orden mit dem ins Mystische (?) weisenden Titel: „Institut des Fleisch gewordenen Wortes“ (I.V.E. die offizielle Abkürzung), heute etwa 450 Mitglieder weltweit, auch im Erzbistum Berlin und in Neumarkt, Oberpflalz, vertreten. 1988 gründete Buela auch noch einen Nonnenorden mit dem Titel „Dienerinnen des Herrn und der Jungfrau von Matara“, mit etwa 1.110 Mitglieder weltweit. LINK
„Wikipedia Spanien“ berichtet über die ersten Jahre des Ordens in Argentinien: „Der Orden geriet in Konflikt mit den Bischöfen der Region San Rafael und ließ sich in anderen Diözesen Argentiniens ohne die Erlaubnis der lokalen Kirchen – Behörden nieder. Infolgedessen war keiner der Bischöfe der Ansicht, dass die Gruppe die kirchenrechtlichen Bedingungen erfüllte, um ein regulärer Orden zu werden. …Der Heilige Stuhl hingegen unterdrückte den Orden nicht und genehmigte die Ordinationen von Seminaristen des Ordens; mehrere Jahre lang hatten sich die argentinischen Bischöfe geweigert, Mitglieder des Ordens zu ordinieren (wegen der geringen „Qualität“ dieser Kandidaten und des Ordensgründers, CM). Miguel Buela war im Jahr 1994 wegen vielfacher Vorwürfe, auch des Missbrauchs, gezwungen, als Vorgesetzter zurückzutreten und die Diözese San Rafael in Argentinien zu verlassen…Der Orden durfte sich aber in Italien in der Diözese Velletri -Segni bei Rom niederlassen.

8.
Jetzt wird die Hilfe Kardinal Ratzingers für den umstrittenen Pater Miguel Buena wichtig: Im Jahr 2001 fand sich aber Kardinal Ratzinger bereit, diesen unter argentinischen Bischöfen höchst umstrittenen Orden und seinen Gründer in seinem eigenen Bistum Velletri-Segni in Italien anzusiedeln. Dazu muss man wissen: Kurienkardinäle sind immer auch dem Titel nach „Bischöfe“ eines bestimmten Ortsbistums, so ist eben Kardinal Ratzinger auch – nominell – Bischof von Velletri-Segni, Italien. Das „Institut vom Fleisch gewordenen Wort“ (IVE) hat gejubelt und so wörtlich der „Vorsehung gedankt“, als „ihr Titularbischof“ dann auch noch Papst wurde. Die internationale Kulturzeitschrift „Courrier International“ gab ihrem Beitrag über den Orden den Titel: „Die Soldaten des Fleisch gewordenen Wortes : Wie im Mittelalter“. Quelle ist die„Courrier International“ speziell die Ausgabe „Hors Serie“, mit dem Titel „Pourquoi les Religion se font la guerre“, herausgegeben im März 2007, dort S. 62. Dort heißt es: „Dieser offizielle, römisch – katholische Orden ist ausdrücklich mit dem argentinischen Nationalismus eng verbunden. Er will „die reinen und natürlichen Werte Argentiniens“ gegen die Atheisten verteidigen. Dieser Orden will die Gesellschaft bestimmen in Fragen der Politik, der Moral, der Erziehung“, das berichtet die argentinische Soziologin Prof. Veronica Gimenez Beliveau in einem Artikel für „Courrier International“.

9.
Im Jahr 2001 konnte also der Orden – dank der Hilfe Kardinal Ratzingers – seine Leitungsstrukturen von Argentinien nach Segni in Italien verlegen. Die Zentrale der Gemeinschaft befand sich auf der Piazza San Pietro. Und der höchst umstrittenen Pater Buela konnte von dort aus als Generaloberober wirken… , im Jahr 2010 wurde er allerdings vom Vatikan von seinen Aufgaben entbunden. Und darauf nehmen nun die aktuellen Verurteilungen Pater Buelas durch den Vatikan im September 2026 Bezug:

10.
Die Katholische Nachrichten Agentur (KNA) berichtet am 29.9. 2026: „Über einen ungewöhnlichen juristischen Vorgang hat am Dienstag der Vatikan informiert. Demnach haben zwei kirchliche Sondergerichte den verstorbenen argentinischen Priester und Ordensgründer Carlos Miguel Buela (1941–2023) postum für schuldig befunden, Vergewaltigungen begangen zu haben. Die Mitteilung erfolgte durch die vatikanische Ordensbehörde und wurde unterzeichnet von der verantwortlichen Präfektin Simona Brambilla, sie ist eine italienische Ordensfrau! In der Mitteilung heißt es, dass die Schuldsprüche (gegen Pater Buela) der zuständigen kirchlichen Spezial-Gerichte den Oberen der beiden Ordensgemeinschaften bereits am 14. September bei einem Treffen in Rom mitgeteilt wurden. Die Gerichte hätten „die moralische Gewissheit erlangt, dass Pater Buela an gewalttätigen Sexualstraftaten gegen mehrere Personen“ schuldig gewesen sei. Das kirchliche Strafrecht spricht hier von „Verstößen gegen das Sechste Gebot“. Miguel Buela, der Ordensgründer als Verbrecher, ist 2023 gestorben, insofern kann jetzt nur den Opfern etwas Gerechtigkeit zuteil werden…
Nebenbei: Wir finden es sehr bedenklich, dass KNA (publiziert von katholisch.de) in diesem aktuellen Bericht nicht die Hilfe und Unterstützung erwähnt, die Kardinal Ratzinger für den „Umzug“ (bzw. die Flucht?) des Priesters Miguel Buenas von Argentinien nach Italien leistete. ..

11.
Es war also Kardinal Ratzinger als Chef der Glaubensbehörde, der dem schon in bischöflichen Kreisen Argentiniens bekannten Missbrauchstäter Pater Buela in der Nähe Roms Asyl bot und ihn dann auch weiter „wirken“ ließ.
2010 wurde Miguel Buena wegen weiterer sexueller Übergriffe als Chef des Ordens abgesetzt: KNA schreibt in dem genannten Bericht: „Da seine mutmaßlichen Opfer Erwachsene waren, kam es jedoch zunächst nicht zu einem Strafverfahren. Buela wurde 2010 in ein französisches und 2016 in ein spanisches Kloster zwangsversetzt. Offenbar übertrat er dennoch weiterhin die gegen ihn verhängten Auflagen eines Lebens in Abgeschiedenheit und verübte sexuelle Übergriffe. Ein von dem spanischen Kurienkardinal Santos Abril y Castelló geleitetes Sonder-Tribunal sprach ihn 2021 wegen sexueller Übergriffe unter Zwang oder Gewalteinwirkung schuldig. Das Urteil wurde jedoch nicht rechtskräftig, weil Buela Berufung einlegte. Im Lauf dieses Gerichtsverfahrens starb er am 23. April 2023. Da er nicht rechtskräftig verurteilt war, verteidigten führende Mitglieder des von ihm gegründeten Männerordens auch nach seinem Tod weiterhin sein Andenken. Dem soll nun offenbar der postum verkündete Schuldspruch entgegenwirken.“ (KNA).

12.
„Wikipedia (Englisch)“ bietet wichtige Informationen, gelesen am 2.10. 2026:
„Buela starb am 23. April 2023 in Genua, Italien. Im September 2026 bestätigte die päpstliche Kongregation („Ministerium“) für die Ordensleute das Urteil, dass Buela während seiner Amtszeit mehrere Handlungen des sexuellen Missbrauchs und des Missbrauchs von Autorität begangen habe.
ABER: Das „Institut des fleischgewordenen Wortes“ spricht weiterhin lobenswert von Buela auf verschiedenen Websites, die vom Institut und seinen Provinzen betrieben werden; offizielle Biografien loben sein Leben und seine Schriften und erwähnen nicht die Vorwürfe des Missbrauchs und der kirchenamtlichen Verurteilung. Im Jahr 2022 erklärte die Website von IVE America, dass Buela 2010 „in den Ruhestand ging“ und das Dekret der Entfernung nicht erwähnte. Das Institut verkauft weiterhin Buelas Schriften, hat nach seinem Tod Gedenkvideos veröffentlicht, organisiert Pilgerfahrten zu seinem Grab und betrachtet ihn als `zu Unrecht vomHeiligen Stuhl verfolgt`. Im Januar 2025 ernannte das päpstliche „Minsterium“ für Ordensleute päpstliche Delegierte mit vollen Herrschaftsbefugnissen über die männlichen und weiblichen Zweige des Orden „Institut vom Fleisch gewordenen Wort“ (IVE) und erkannte „schwere Defizite“ in den Instituten…. LINK

13.
Noch einmal: Miguel Buelas neue geistliche Gemeinschaften, Orden, gehören zu den Kreisen, die vom Vatikan, den Päpsten des 20. und 21.Jahrhunderts und sehr vielen Bischöfen hoch gelobt, gerühmt und zur Nachahmung empfohlen wurden und werden.
Hier eine kurze und unvollständige Liste weiterer bedeutender, weltweit verbreiteter „neuer geistlicher Gemeinschaften“:

A:
Der Orden „Legionäre Christi“ und ihr Gründer, der notorische, auch pädo-sexuelle Verbrecher Pater Marcial Maciel: Er ist eine der übelsten Gestalten der jüngsten Kirchengeschichte.
Sein Orden („Legionäre Christi“) und seine ebenso weltweite Laiengemeinschaft „Regnum Christi“ bestehen nach der lange verzögerten Freilegung der verbrecherischen Taten Mariel selbstverständlich nach wie vor weiter…obwohl viele Legionärs-Priester inzwischen ebenfalls des sexuellen Missbrauchs überführt wurden. Alles nicht so schlimm, ist das Motto im Vatikan ? Dieser Orden hat sehr viel Geld und vor allem sehr viele junge Priester, da ist es dem Papst wohl wichtig, dass er mit diesen Leuten den aussterbenden Klerus in den Bistümern ersetzen kann… Auch das ist ein Skandal: Papst Johannes Paul II. War ein enger Freund Pater Maciels, der Legionär – Christi – Gründer, der pädosexuelle Verbrecher, wurde ganz offiziell im Vatikan als „Vorbild der Jugend“ (sic) gepriesen. Christian Modehn hat diese Fakten in vielen Beiträgen dokumentiert. LINK.

B:
Das „Engelwerk“ ist eine ins Esoterisch – Obskure – Spinöse abgedriftete katholische Sekte eines totalen Engel-Kultes, etwa 400 Engel hat die Engelwerk – Gründerin Gabriele Bitterlich visionär gesehen und ihren Leuten zur Verehrung empfohlen. LINK Das wurde dann selbst dem Vatikan zu viel: 1984 wollte Papst Johannes Paul II. die Zahl der 400 zu verehrenden Engel reduzieren, das Engelwerk reagierte darauf nicht. 1992 verfügte Kardinal Ratzinger dann ein strenges Dekret, das bestimmte Praktiken, etwa „Engelsweihen“ verbot… Allerdings wurde dann das Engelwerk 2008 offiziell doch als kirchliche Vereinigung anerkannt. Das Engelwerk kann sich also, nach einigen „Korrekturen“, in der katholischen Kirche frei werbend weiter bewegen: In der Geschichte dieser Gemeinschaft kam es auch zu Mord und zu Serien sexuellen Missbrauchs.
Such das noch: Papst Johannes Paul II. erlaubte in seiner Begeisterung für irgendwelche neue geistlichen Gemeinschaften dieser katholischen Sekte sogar die Wiederbelebung eines bereits ausgestorbenen portugiesischen Ordens (des „Kreuzordens“, exakt: „Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz“, ursprünglich 1132 in Coimbra gegründet). Dieser Orden ist heute mit dem Engelwerk eng verbunden und zählt über 100 Mitglieder weltweit, eine Niederlassung auch in Schondorf am Ammersee. Auch der bekannte reaktionäre Bischof Athanasius Schneider (Kasachthan) gehört zu diesem Engelwerk – Kreuzorden: Wer sich für Details zu Schneider interessiert: LINK

C:
Die Gemeinschaft „Das Werk“ , gegründet von „Mutter“ Julia Verhaghe aus Flandern. Nachdem „Das Werk“ im Jahr 2014 aufgrund des Verdachtes sexueller Übergriffe in die Schlagzeilen geraten war, ordnete der Vatikan eine Visitation an, 2017 wurden Ergebnissen vorgelegt: „Das Werk“ muss sich also erneuern.… Prominente und kompetente Kritikerin ist die Theologin Doris Reisinger, ehemals Nonne in „Das Werk“. (Siehe ihr Buch „Nicht mehr ich…“, Knaur – Verlag. Und auch: „Nur die Wahrheit rettet“, Piper Verlag, 2021.

D:
Die Bischöfe und der Vatikan haben sehr lange Zeit gebraucht, ehe es zum Verbot der einflußreichen korrupten „neuen geistlichen Gemeinschaft“ in Peru mit den verbrecherischen Initiatoren und Führungsgestalten kam: “Sodalicio“ ist der Name dieses katholischen „Vereins“.
Anfang 2025 ordnete Papst Franziskus die Auflösung dieser auch politisch reaktionär – extremistischen Gemeinschaft an.
1971 in Peru von Fernando Figari gegründet, missbrauchten er und andere führende Mitglieder systematisch Jugendliche, junge Männer und Minderjährige, die für die Gemeinschaft angeworben wurden. Nach der Freilegung der Verbrechen gab diese Organisation selbst offiziell mindestens 83 Missbrauchsopfer zu. Die Untaten waren körperliche Gewalt als Sadismus, Demütigungen, Züchtigungen, so sollte der individuelle Wille der Mitglieder und Kandidaten gebrochen werden. Ein Beispiel nur für die Untaten: LINK zu BBC:
Die Sodalicio – Mitglieder wurden zu absolutem Gehorsam gezwungen und spirituell manipuliert. Es gab auch die übliche finanzielle Korruption. Diese Clique konnte mit dem Segen der Päpste und einiger peruanischer Bischöfe die progressive Präsenz der Kirche im Süden Perus viele Jahre lang offenkundig zerstören.
Diese verbrecherische Clique ist eine Schande für die Kirche, für die Päpste, für die Erzbischöfe in Peru: Der einflussreichste Kardinal Cipriani in Lima gehörte dem Opus Dei an, er war auch ein heftiger expliziter Feind der Befreiungstheologie und … , wen wundert es, ein Freund und Unterstützer des Sodalicio – Vereins. Da werden einmal mehr Verbindungen unter reaktionären katholischen Gruppen sichtbar. (LINK

2025 wurde endlich dieser inzwischen international agierende, sich katholisch nennende Club („neue geistliche Gemeinschaft“) vom Vatikan aufgelöst: LINK

Papst Leo XIV. soll sich – schon als Bischof Prevost von Chiclayo, Peru – gegen diesen Sodalicio Verein gewandt haben! Details zu erfahren, wäre interessant… Siehe auch: LINK

E:
Die internationale, auch im rechten politischen Bereich politisch aktive geistliche Bewegung, in Italien gegründet, nennt sich „Comunione e liberazione“: Sie ist in ca.90 Ländern vertreten….Auch hier gibt es Fälle des sexuellen Missbrauchs. Zum Beispiel: Ende 2023 müsste die Führung von Comunione e Liberazione öffentlich zugestehen: Der langjährige Chef in den USA, Christopher Bacich, hatte über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg (von 1997 bis 2018) Minderjährige und junge Erwachsene sexuell und psychologisch missbraucht hat.LINK:

F:
Die in Frankreich gegründete Gemeinschaft „Emmanuel“: Eine internationale Bewegung, auch in Deutschland aktiv, insgesamt ca. 12.000 Mitglieder. Sie ist charismatisch geprägt, d.h. sie verehrt den heiligen Geist, zum Teil auch in Zungenreden (ein angeblich vom heiligen Geist bewirktes frei gesprochenes frommes Trallala in spontan erfundenen Worten). Der bekannte Schauspieler Michel Lonsdale war mit Emmanuel eng verbunden, etwa durch seine Teilnahme an den glossolalischen charismatischen Gebets – Nächten in der Kirche Trinité in Paris, dargestellt im Dokumentarfilm für die ARD „Unter dem Himmel von Paris“, 1999, von Christian Modehn.
In Frankreich gibt es schwere Vorwürfe gegen Mitglieder von Emmanuel, so wurde der bekannte Priester Benoit Moulay 2023 wegen sexuellen Missbrauchs aus dem Klerikerstand entlassen. Die Opfer reichten im Jahr 2024 Klage ein und sie zeigten, dass Moulay jahrelang trotz vorliegender Warnungen und Meldungen von der Hierarchie geschützt und versetzt worden war. Auch der Emmanuel – Priester Bernard Peyrous wurde wegen Vergewaltigung angeklagt: Die betroffene Frau Claudine Blanchard veröffentlichte die ihr zugefügten Untaten als Buch (im Mai 2026) „Un canapé rouge. De l’emprise à la liberté“,(„Ein rotes Sofa, von der Gefangenschaft in die Freiheit“) in dem sie die Untaten des Priesters im Zeitraum von 2003 bis 2013 dokumentiert, und vor allem: Die systematische Vertuschung dieser Untaten durch die Gemeinschaft Emmanuel….. Jetzt will die Leitung von „Emmanuel“ für die Freilegung aller Untaten im Verein sorgen!

G:

Die „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, (französisch: „Communauté Saint-Jean“): Diese international agierende Gemeinschaft ist eine wahre Skandal – Geschichte: 2023 wurde eine 800 Seiten umfassende Studie veröffentlicht, sie weist nach: Der Gründer, der Dominikanerpater Marie – Dominique Philippe, hatte über viele Jahre ein System geistlichen Missbrauchs, der Abhängigkeit, unter seinen Mitgliedern installiert. Unter dem Vorwand der geistlichen Begleitung missbrauchte er zahlreiche Frauen, seit der Gründung dieser Gemeinschaft im Jahr 1975 wurden 167 Menschen Opfer von Übergriffen. Auch 72 Brüder (Priester) der Gemeinschaft wurden als Täter identifiziert, das sind 8 Prozent aller Brüder, die jemals dieser Gemeinschaft angehörten. Wie bei den Legionären Christi und ihrem verbrecherischen Gründer, Pater Marcial Mariel, distanzierte sich die Gemeinschaft St. Jean von seinem frommen Gründer, dem Dominikaner Pater Philippe, einem Freund von Papst Johannes Paul II. Und nun will diese schwer belastete Gemeinschaft, plötzlich erneuert, weitermachen… in den Pfarr- Gemeinden etwa, die sie leiten… Die französischen Bischöfe sind auf diesen Club angewiesen, sie haben ja sonst fast keinen jungen zölibatären (?) Klerus mehr zur „Verfügung“…

H:
Die Neokatechumenalen: Diese nach eigenen Angaben etwa 1,5 Millionen zählende ,in aller Welt agierende und missionierende Gemeinschaft hat sich völlig dem Neu – Evangelisieren verschrieben. Im Mittelpunkt steht das Monate dauernde Einpauken der Katechismus-Wahrheiten in Gruppen, dies wird explizit als Ausdruck von Theologie verstanden! Diese Gemeinschaft hat weltweit sogar etwa 120 eigene Priesterseminare errichtet, alle heißen „Redemptoris Mater“, sie erzeugen sehr konservative Priester, die die alten Priester in Europa ersetzen, sehr zum Unwillen vieler Gläubiger in den nun von Neokatechumenalen geleiteten Gemeinden. Christian Modehn hatte vor vielen Jahren schon begonnen, die Neokatechumenalen kritisch zu beobachten. LINK.

Neueste Kritik von ehemaligen Mitgliedern, publiziert am 18.7.2026: LINK.

I
:

Das Opus Dei. Über dieses „Werk Gottes“ gibt es viele auch kritische Studien, in deutscher Sprache zumal von Peter Hertel. Nur etwa eintausend von ca.80.000 Opus – Dei Mitglieder sind Priester, die meisten sind also Laien, aber alle sehr verschwiegen, wie es sich für einen Geheimclub gehört. Dieses „Werk Gottes“ arbeitet verdeckt, hat auch sehr viele unerkannt bleibende Sympathisanten, selbst wenn sie formell nicht Mitglieder sind, wie einst wohl Kardinal Meisner (Köln) oder wahrscheinlich auch einst Kardinal Hengsbach (Essen) oder jetzt wohl Kardinal Woelki in Köln, aber ….alles ist geheim. Eine etwas mildere Form von Stasi in der katholischen Kirche also? Papst Johannes Paul II. war der heftigste Förderer und Liebhaber dieses Werkes Gottes, er setzte diese Leute ein … vor allem auch im Kampf gegen die „linke“ Befreiungstheologie…
Papst Franziskus hatte es zu Beginn seiner Regierung gewagt, zwei Opus Dei Bischöfe abzusetzen: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/5780_zwei-opus-dei-bischoefe-von-papst-franziskus-abgesetzt_religionskritik

K:
Die Fokolar – Bewegung und ihre Gründerin Chiara Lubich:
Heftig kritisiert wird der Personenkult um die Gründerin dieser internationalen Bewegung, also um Chiara Lubich. Viele Mitglieder klagen über die spirituelle Abhängigkeit, die diese nach außen so nette Dame , die Gründer – Gestalt, ausübte. Über den sexuellen und spirituellen Missbrauch in der Focolar – Gemeinschaft: LINK

13.
Wir beenden hier die immer noch weiter auszudehnende Liste der Dokumentation der korrupten Führer der neuen geistlichen Gemeinschaften und etlicher korrupter Mitglieder dieser geistlichen Gemeinschaften.
Wir haben nicht von der Gemeinschaft „Totus Tuus“ gesprochen;
nicht von der Ordensgemeinschaft „Diener Jesu und Mariens“ mit ihrem Zentrum in Blindenmark, Österreich;
Wir haben nicht von den „Franziskanern der Immakulata“ (Unbefleckten Empfängnis Mariens), gegründet 1970, gesprochen, LINK https://de.wikipedia.org/wiki/Franziskaner_der_Immakulata.
Wir haben nicht nicht von den Missionaren “Idendes“, päpstlich anerkannt 2009, gesprochen;
wir haben nicht von der „Petrusbruderschaft“ gesprochen, vom Papst eingerichtet (1988) als traditionalistische Priestergemeinschaft, die aber Papst und Konzil anerkennen will;
wir haben nicht gesprochen von den „Franciscan Friars of the Renewal (CFR)“, den „neuen Kapuzinern …
Wir haben nicht von der mächtigen „Christ- Königs – Priestergemeinschaft“ gesprochen… LINK
Und haben dabei die alten geistlichen Bewegungen vergessen, wie etwa die „Schönstatt -Bewegung“, gegründet, zu Ehren der „dreimal wunderbaren Mutter“ Maria (der rechtsradikale Präsident Chile, José Antonio Kast ist Mitglied der Schönstatt – Bewegung…),
wir haben nicht gesprochen von der Bewegung der angeblich stigmatisierten Marthe Robin und ihrer „Foyers de Charité“,
nicht von den Charismatikern, die sich „Chemin neuf“ nennen, nicht von der “Integrierten Gemeinde“ (Kardinal Ratzinger liebte diese Leute so…) und so weiter….

14.

Was haben wir hier kurz dokumentiert? Die genannten Verbrechen sind systemisch für die katholische Kirche! 

Die Fülle des sexuellen und spirituellen Missbrauchs durch Gründer der sich – ziemlich arrogant – neue GEISTLICHE Gemeinschaften nennenden Bewegungen sowie auch des Missbrauchs durch sehr zahlreiche Mitglieder dieser Organisationen zeigt eindeutig: Diese Gemeinschaften sind Ausdruck eines systemischen, d.h. zum klerikalen System der katholischen Kirche gehörenden, Schadens. Diese Verbrechen und Verbrecher sind und waren nur möglch durch ein übliches klerikales Schweige – Kartell. Deswegen hat Papst Leo XIV. Unrecht: Er sagte am 28.9.2026 auf dem Rückflug seiner „apostlischen Reise“ von Frankreich nach Rom: Diese Verbrechen wäre nicht systemisch bedingt, sondern eben, wie üblich, Einzelfälle einzelner Menschen. Natürlich sind immer einzelne Menschen die Handelnden. Aber es gibt nachweislich systemische Voraussetzungen, die diese Verbrechen erleichtern, wenn nicht gar fördern. Man denke daran: Viele Katholiken, Laien, halten heute noch Priester, Bischöfe usw. für Hochwürden, für Exzellenzen, Eminenzen und nennen diese „Hirten“ auch noch so… Und der Papst als „Nachfolger des armen Fischers Petrus“ gilt sogar als „heiliger Vater“, dessen Reich der „heilige Stuhl“ (Vatikan) ist. In dieser stets uneindeutigen Melange von politisch auftretendem absoluten, undemokratisch regierenden Monarchen und spirtuellem Leiter der Kirche… Nebenbei: Eigentlich ist „heiliger Vater“ ein blasphemischer Titel, über den sich niemand noch aufregt, weil einzig doch Gott heilig genachht werden darf… aber: so viele Hunderttausend jubeln ihrem „Führer“ (Papst) zu, vielleicht sogar noch verständlich (aber nicht entschuldbar) als Ausdruck der Hilflosigkeit und Verwirrung in diesen verrückten Zeiten heute…Aber so lange diese klerikale Allmacht nicht überwunden ist, also vom Vatikan selbst ausgelöscht wird, solange wird es immer wieder klerikale Verbrecher in neuen oder alten geistlichen Gemeinschaften und Ordensgemeinschaften geben, und im Weltklerus sowieso… 

15.

Eine kurze theologische Beurteilung: Diese von Päpsten und zahllosen Bischöfen hoch gelobten Gemeinschaften mit inzwischen weltweit viele Millionen – Mitgliedern haben den Katholizismus auf seinem mühevollen Weg in die Moderne letztlich stark behindert, wenn nicht verdorben: Sie haben die katholische Kirche als eine konservative, der traditionellen Frömmigkeit verpflichtete, männlich – klerikale Organisation zementiert. Diese Kreise entwickeln kaum wahrnehmbar eine Theologie, die der heutigen Weltsituation gerecht wird: Klima- Katastrophe, Geschlechtergerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, usw…).
Diese Kreise sind auf die alte, angeblich immer richtige „ewige“ Lehre verpflichtet: Nur die Wiederholung und das Einpauken der alten Dogmatik könne ihrer Meinung nach die Mission der Kirche bedeuten. Es ist also eine totale Ideologisierung der Kirche, die da betrieben wird.
Aber diese oft auch sehr finanzstarken, politisch sehr rechten Gruppen sind von der Kirchenführung immer noch sehr erwünscht, weil sie – so vermutet wohl der Vatikan – das Überleben der autoritären Klerus- Kirche garantieren. Aber durch diese „neuen geistlichen Gemeinschaften“ wird die katholische Kirche heute zum Getto..

Christian Modehn hat schon 2009 in seiner Studie über Papst Benedikt XVI., in dem Buch „Rolle rückwärts mit Benedikt“ (Publik -Forum Edition, 2009, S. 143 ff) auf den eingangs genannten Miguel Buela und seine Verbindung mit Kardinal Ratzinger aufmerksam gemacht:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt

Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt.

Ein Hinweis auf Tschechien, Ehrengast der Buchmesse
Von Christian Modehn

Dieser Hinweis hat zwei Teile:
Erstens: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer
Zweitens: Ketzer in Böhmen

ERSTER TEIL: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer

1.
Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt unser Hinweis zum Thema „Religionen und Philosophien in Tschechien“. Das Motto der Buchmesse: „Tschechien: „Ein Land an der Küste“ ist inspiriert von einem Spruch in Shakespeares „Das Wintermärchen“ oder auch von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Durchaus ein treffender Titel für „die“ ironische, skurrile, surrealistische, manchmal absurde (siehe die Erzählungen von Bohumil Hrabal, „Die Bafler“) Mentalität in Böhmen und Tschechien insgesamt. Eine etwas gewagte These, gewiss, aber ein Beitrag zu einer umfassenderen Reflexion…

2.
Wir konzentrieren uns hier auf Böhmen und lassen Mähren und Tschechisch-Schlesien, also die zweite und dritte Region Tschechiens, beiseite.
Und folgen einer für Böhmens Geschichte und Gegenwart typischen Perspektive: Böhmen ist für uns ein Land der (vielfältigen) Ketzer. Auf diese Spur brachte uns die Studie des tschechischen Philosophen Jan Patocka „Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte“. Patocka war ein wichtiger Gegner des Kommunistischen Regimes, er war einer der Sprecher der „Charta 77“. Sein Text wurde 1975 als Samisdat, im Selbstverlag im Untergrund, veröffentlicht; es liegt in einer Neu – Übersetzung bei Suhrkamp vor (2010).

3.
Für uns gilt das Wort „Ketzer“ über das übliche Verständnis eines religiösen, kirchlichen „Abweichlers“ („Häretikers“) hinaus. Wenn Diktaturen ihrer Ideologie („die heilige Parteilinie“) religiöse, unantastbare Werte zusprechen, dann sind die Oppositionellen durchaus Ketzer zu nennen. Oder wenn sich Minderheiten gegen einen absolut vorherrschenden kulturellen , künstlerischen, sozialen Trend wenden, kann man sie Ketzer (gemeint als Metapher, als bildhaften Vergleich) nennen. Insofern kann man etwa Künstler der „Berliner Sezession“ (Max Liebermann) oder der „Wiener Sezession“ (Gustav Klimt) Ketzer gegen den damals für selbstverständlich gehaltenen Trend nennen. Sezession heißt bekanntlich Abspaltung.
Mit anderen Worten: Das Wort Ketzer sollte nicht nur für explizit religiöse Abweichler, „Häretiker“, „Schismatiker“ usw. gebraucht werden.
Manche religiösen Reformer beginnen als sehr radikale Reformer, wenn nicht als Ketzer ihres kirchlichen Systems, wie etwa Franz von Assisi. Sie lassen sich dann aber von den Herrschern des Systems, im Fall von Franz von Assisi von den Päpsten (etwa Innozens III.) wieder auf die offizielle Linie kirchlicher Dogmatik zurückbringen. Hingegen ließ sich etwa der Prediger Petrus Valdes (gestorben 1218), ein Zeitgenosse von Franz von Assisi), nicht auf einen Kompromiss mit den Päpsten ein. Seine ketzerische Waldenserkirche besteht bis heute als eigenständige, sehr angesehene Konfession ins Italien.

4.
Bei aller Pluralität ihrer Forderungen sagen die zu Ketzern erklärten Minderheiten laut und explizit Nein zur herrschenden Ideologie: Sie denken und fordern Neues, suchen leidenschaftlich und radikal die universell geltende Wahrheit oder die Wahrheit des Ursprungs einer humanen oder religiösen Idee…
Auch wenn sich Ketzer und KetzerInnen zunächst noch auf eine vorherrschend – bestehende, überlieferte Ideologie beziehen, sie haben diese vertraute Welt überschritten, transzendiert. Dadurch leben KetzerInnen in einer Art Niemandsland: Sie befinden sich nicht mehr in ihrer alten geistigen „Heimat“ und sind noch nicht in einer neuen „Welt“ angekommen. Für die Herrscher bedrohlich werden die KetzerInnen, wenn sie eine breite Bewegung von Sympathisanten und Anhängern versammeln und die angebliche „Einheit“ des Herrschaft – Systems zu überwinden suchen.

ZWEITER TEIL: Ketzer in Böhmen

5.  JAN HUS
Böhmen als Land der Ketzer: Mit unserer These leugnen wir nicht: Auch andere Länder, Frankreich, Italien, Deutschland, sogar Spanien haben ihre eigene Ketzergeschichte.
Böhmen ist aber seit Jahrhunderten durch eine herausragende, international bekannte und bis heute geschätzte Ketzer – Gestalt bestimmt, durch den katholischen Priester und Theologen Jan Hus (1370-1415). Er hat in Prag für eine grundlegende Kirchenreform geworben – mit dem Maßstab des Evangeliums, der Urkirche. Er verurteilte den herrschenden, dekadenten Klerus und die Machtstruktur der Papst – Kirche. Jan Hus predigte auf Tschechisch, so fand er viele Anhänger für sein Projekt der Kirchenreform. Er glaubte, auf dem Konzil in Konstanz die Herren der Kirche von seiner Theologie überzeugen zu können: Aber, der ideologische Machterhalt war den Bischöfen und Kardinälen wichtiger: Jan Hus wurde am 6.Juli 1415 während des Konzils in Konstanz verbrannt. „Was die Konzilsväter in Konstanz wirklich in Angst versetzte war der breite gesellschaftliche Widerhall der aufrührerischen Lehren“, schreibt der Hus – Spezialist Pavel Soukoup in seinem Buch „Jan Hus“, Kohlhammer Verlag, 2014, Seite 202. Der Märtyrertod von Jan Hus verstärkte nur die Zustimmung zu seiner Lehre: Der „Hussitismus“ wurde zur prägenden Bewegung in Böhmen, sie wirkte über Jahrhunderte. (S. 211).

6.
Eine zentrale Forderung von Jan Hus: Auch Laien müssen an der Kelch – Kommunion teilhaben, bis heute kein nebensächliches Thema: Das Privileg der Priester, die Kelchkommunion zu praktizieren, sollte aufgehoben werden. Die Kleriker ie wollten sich auf diese Weis als „Besondere“, „Höhergestellte“ gegenüber den zweitklassigen Laien definieren.
Es war die umfassende Kirchenkritik von Hus, die in Böhmen leidenschaftlich begrüßt wurde: Und einen Erfolg – trotz aller Verfolgung – hatten die Hussiten: In Böhmen standen sich bis ins 17. Jahrhundert zwei Katholische Kirchen gegenüber: Die Kirche des Reformators Jan Hus verstand sich als katholische Landeskirche, sie hatte eine eigene Kirchenverwaltung … und daneben die offizielle, vom Haus Habsburg beherrschte römische – katholische Kirche mit ihrer eigenen Kirchenorganisation. „Die Hussiten führten bewusst und mit Absicht eine von Rom praktisch unabhängige Existenz. Sie betrachteten sich als einen Teil der katholischen Kirche, doch als den momentan einzig rechtmäßigen Teil.“ (Soukup, S. 217)
Eine breite Bewegung der Hussiten nannte sich „Utraquisten“, ein Titel wegen ihres Insistierens auf den Empfang des Abendmahls in beiden Gestalten der Kommunion, Brot UND Wein. Der Begriff Utraquisten bezieht sich auf das lateinische Wort utraque, was „beide“ (Gestalten) bedeutet. „Bei den Hussiten spielte die entscheidende Rolle, dass sie das Lehramt der institutionellen Kirche anzweifelten“ (ebd.). Das heißt: Die vom Papst geführte Kirche war für die Hussiten nicht mehr fürs „Seelenheil“ zuständig.

7. Hussiten – eine Landeskirche 
Die ersten böhmischen Ketzer, die Hussiten, konnten zunächst nur überleben, weil sie sich auch militärisch und politisch behaupten konnte: Der niedere wie der höhere tschechische Adel sowie auch die Bürger der Städte unterstützten die „Ketzer.“ So wurde diese Reformkirche zunächst nicht in den Untergrund gedrängt. „Im Gegenteil, die Hussiten konnten die öffentliche Ausübung ihrer Religion behaupten und entwickelten ihre Form der Kirchenreform letztendlich zu einer eigenständigen Konfession“, so Pavel Soukup (S. 217).
Nach der Niederlage der protestantischen und hussitischen Stände gegen die katholische Macht der Habsburger unter Kaiser Ferdinand II. in der Schlacht am Weißen Berg 1620 wird die hussitischen Kirche zerschlagen, die katholische – habsburgische, von Jesuiten betriebene Gegen – Reformation hatte sich brutal durchgesetzt. Die hussitischen Geistlichen mussten auf kaiserlichen Befehl Böhmen verlassen.
Nach der Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag errichteten die habsburgischen Sieger dort eine Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria, deutlicher Ausdruck für den Sieg der triumphierenden Kirche…, darauf weist der katholische Theologe Tomas Halik hin in seinem Buch „Geduld mit Gott, Freiburg i.Br. 2007, S. 120: Und : „In den von Habsburgern beherrschten Ländern fraß der Holzwurm des Formalismus, der Äußerlichkeit und der Scheinheiligkeit still und unauffällig am Gebäude des alten (katholischen) Glaubens (S. 92).
Historiker der „Nationalen Wiedergeburt“ im 19. Jahrhundert bezeichneten die der Schlacht am Weißen Berg folgende Ära – nach einem Roman von Alois Jirásek – als „dunkle Zeit“, der Zeit des „Austro – Katholizismus“ als Herrschaft des Klerikalismus. So wurde die Bindung der Böhmen an die katholische Kirche ausgelöscht…
Auch wenn die Päpste Johannes Paul II und Franziskus ihr tiefes Bedauern über das Schicksal Jan Hus` in Konstanz geäußert haben: Eine Rehabilitierung hat es nicht gegeben. So bleibt also in der Sicht der römischen Kirchen Jan Hus doch ein Ketzer…

8. Die „Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche“
Die sich von Jan Hus inspirierte Kirche wurde im 17. Jahrhundert ausgelöscht. Aber die Erinnerung an den „Ketzer“ des 15. Jahrhunderts blieb lebendig: 1920 hat sich wieder eine neu gegründete Kirche auf Hus bezogen: Die „Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche“ ist ein eigener Weg aus der offiziellen katholischen Kirche in Tschechien, sie ist eine Initiative römisch – katholischer Priester, vor allem Karel Farsky muss erwähnt werden: Diese hussitische Kirche feiert seit 1920 ihre Gottesdienste nicht mehr auf Latein, sondern auf Tschechisch, das Zölibatsgesetz gilt nicht mehr, auch die Frauenordination wird dann selbstverständlich… Schon 1921 hatte diese Hussistische Kirche 525.000 Mitglieder, 1930 waren es 793.000. „Die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche konnte sich durch das Wahlprinzip für geistliche Ämter und die Laienbeteiligung an der Kirchenverwaltung sehr plausibel als Kirche der neuen Zeit (also der Tschechischen REPUBLIK) darstellen.. Sie war von dem Anspruch geprägt, eine Kirche der Demokratie zu sein.“ (Prof. Martin Schulze Wessel, in: „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München 2009, S. 139.) Als ein richtungweisender Interpret des Evangeliums wurde von dieser Kirche ausdrücklich Jan Hus erwähnt. Für die katholische Kirche hat die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche einen „ketzerischen Charakter“ (S. 145).
Was als ketzerische Tat gegen Rom und die katholischen Herrscher in Wien begann, wurde vom kommunistischen Staat ausgenutzt und führte mit der kommunistischen Herrschaft zu einer Nähe etlicher Mitglieder der Hussitischen Kirche an die herrschende Partei. Heute ist diese gegen Rom rebellische Hus – Kirche leider nur eine Minderheit unter den ebenfalls zahlenmäßig schwach dastehenden anderen Konfessionen. Die „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“ ist Mitglied im ökumenischen Weltrat der Rat in Genf. Die offizielle Website der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche (auf Tschechisch: Církev československá husitská): ccsh.cz
Zur aktuellen Religionsstatistik der gesamten Republik Tschechien: Die aktuellsten und offiziellen Daten zur Religionsstatistik in Tschechien stammen aus der Volkszählung (Zensus 2021), die vom Tschechischen Statistischen Amt (CZSO) durchgeführt wurde:
„Nicht gläubig / Konfessionslos“: 47,8 %. „Keine Angabe“ 30,1. „Gläubig, aber keiner Kirche zugehörig“: 9,1 %: Ein interessantes Bekenntnis!
…„Gläubig und Mitglied einer Religionsgemeinschaft“: 13,1 %. Und da gilt es die Unterschiede zu beachten:
Zur Römisch-katholischen Kirche wollen 9,3 % (ca. 741.000 Mitglieder) gehören. Die katholische Kirche ist trotz Verluste die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft im Land.
Die Orthodoxe Kirche hat ca. 40.000 Mitglieder,
die Evangelische Kirche hat 33.000 Mitglieder,
die Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche ca. 23.000.
Zum Islam bekennen sich ca. 10. 000 Menschen, zum Judentum 3.000…
Die nächste Volkszählung (mit Veröffentlichung der entsprechenden Religionsstatistik) soll 2031 stattfinden.

9. Die spirituellen Oppositionellen der Samtenen Revolution
„Samtene Revolution“ ist der Name für die Überwindung der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei im November und Dezember 1989. Der Prager katholische Theologe, Philosoph und Autor Tomas Halik weist nachdrücklich daraufhin: Diese „Samtene Revolution“ in Prag wurde von Intellektuellen vorangebracht, die selbst individuell einzelne Weisheiten des Evangeliums wichtig fanden, aber diese Demokraten waren kirchlich – amtlich nicht gebunden, also in gewisser Weise – aus Sicht der offiziellen Kirche – waren sie auch Ketzer: „In den letzten Jahren des kommunistischen Regimes wuchs die Zahl der Sympathisanten für die katholische Kirche besonders unter den jungen Leuten, den Künstlern, der Intelligenz des Landes. Sie identifizierten sich zum Großteil nicht zu hundert Prozent mit der Lehre und den Inhalten der kirchlichen Dogmatik, aber für sie bot das Christentum eine politische wie philosophische Alternative zur herrschenden kommunistischen Macht“. (Tomas Halik, in “ Postsäkular“, „Kunst und Kirche“, 01/2013, S. 5.). Siehe auch unseren Hinweis: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/12118_die-samtene-revolution-1989-in-der-tschechoslowakei-nur-noch-eine-ferne-erinnerung_denkbar
Wichtig ist: Menschen, die außerhalb der Kirche stehen, aber Weisheiten des Evangeliums sehr wichtig finden, können eine „Samtene Revolution“ vollbringen!

10.
Tomas Halik geht also mit guten Gründen so weit zu betonen: „Das Lebendigste der tschechischen Kultur der letzten zwei Jahrhunderte fand außerhalb des traditionellen, offiziellen und institutionellen Raums der Kirche statt“, (Tomas Halik: „Geduld mit Gott“. Herder Verlag, 2007, S. 93). Die führenden Intellektuellen nannten sich Atheisten oder Agnostiker, aber Halik legt allen Wert darauf zu differenzieren: „Unter der Etikette von Agnostizismus und Atheismus findet man eine sehr große Bandbreite sehr differenzierter Meinungen und Überzeugungen. Atheisten wenden sich oft von einem Bild Gottes ab, an das auch ich nicht glauben würde, weil es nur eine Karikatur Gottes ist“ (Tomas Halik, S. 7, in „Kunst und Kirche“, Heft 1/2013.
Die politischen Ketzer Böhmens zugunsten der Demokratie 1989 waren also auch religiöse Ketzer: Weder der erste Staatspräsident der tschechischen Republik Tomas Masaryk noch Václav Havel waren Atheisten: „Jeder ist auf seine Art und Weise sehr offen für die transzendente Dimension des Lebens, insbesonders für deren ethische Konsequenzen. Aber niemand war bereit, ihre Erfahrung der Transzendenz in der traditionellen Sprache der Kirche auszusprechen. Vaclav Havel spricht etwa über den Horizont der Horizonte statt von Gott“, (in Geduld mit Gott, S. 94. ) Halik nennt diese – für die offizielle Kirche – ketzerische Spiritualität hochschätzend: „scheue Frömmigkeit“( ebd.). Ein Begriff, den man sich merken muss, wenn über Säkularisierung und „Atheismus“ in Europa gesprochen wird.

11. Frauen als katholische PriesterInnen in Tschechien
Auf ungewöhnliche KetzerInnen in der katholischen Kirche Tschechiens im 20.Jahrhundert muss hingewiesen werden: Es gab in der Zeit der Kommunistischen Herrschaft katholische Frauen, die sich von dem gültig geweihten römisch – katholischen Bischof Felix Maria Davidek (1921-1988) heimlich und von den Päpsten unerlaubt zu Priesterinnen weihen ließen. Sie wollten im Untergrund tätig die katholische Kirche vor der Auslöschung bewahren: Die bekannteste Priesterin ist Ludmila Javorová, sie ist am 17. September 2026 im Alter von 94 Jahren in Brno (Brünn) gestorben. Die katholische Priesterin Javorová (geweiht 1970) setzte ihr Leben ein für das Überleben der Kirche: Aber ihr Einsatz wurde vom Vatikan nicht anerkannt: Nach der Wende erklärte der Vatikan ihre Priesterweihe für ungültig. Wenn diese hilfreichen KetzerInnen nicht mehr gebraucht werden, lässt der Vatikan sie halt fallen. Denn die Allherrschaft des männlichen Klerus darf nicht gebrochen werden. Frau Javorová akzeptierte – treu katholisch – ihre Degradierung und arbeitete dann als Religions-Lehrerin weiter…

12. Hasek und Hrabal sind spirituelle Dichter
Auch zwei sehr beliebte und hoch – geschätzte Schriftsteller sind auf ihre besondere Art von Ketzerei betroffen: Wir weisen hier nur auf die beiden Dichter Jaroslav Hasek (1883 – 1923) und Bohumil Hrabal: 1914 – 1997) hin, zwei Klassiker der tschechischen Literatur im 20. Jahrhundert.

Jaroslav Haseks Roman „Der brave Soldat Schwejk“ (in 58 Sprachen übersetzt) gilt einem außergewöhnlichen Ketzer. Einem Mann, der auf seine Art Nein sagt zu den herrschenden Mächten: Militarismus, Krieg und Bürokratie. Schwejk sagt Nein gerade auch mit seiner offensiven, gespielten Dummheit: „Melde gehorsamst, ich bin so blöd“. Schwejk, der Mensch inmitten von Unmenschlichkeit, will das System von Krieg und Ungerechtigkeit von Innen sprengen.

Die sehr persönliche, individuelle Spiritualität Bohumil Hrabals entspricht
nicht den dogmatischen Lehren der katholischen oder evangelischen Kirche, betont der Religionswissenschaftler Prof. Paul Hosek (Prag): Er zeigt aber: Hrabal war mit einem evangelischen Pfarrer in Libice nad Cidlinou befreundet, und er hielt in dieser Kirche seit 1980 am 4.Adventssonntag regelmäßig Predigten. Pavel Hošeks interessante Studie hat den ins Englische übertragenen Titel: „The Gospel according to Bohumil Hrabal“. Brno, Centre for the Study of Democracy and Culture 2024, 218 p.  (Siehe Fußnote 1)

13. Die Prager Kneipe als spiritueller Ort
Auch das ist eine Gestalt religiöser Ketzerei auf böhmische Art: Hasek wie auch Hrabal sind als begeisterte Freunde und Stammgäste ihrer Gasthäuser, Kneipen. Sie gehen soweit der Kneipe den Rang heiliger Orte zuzusprechen, Orte der offenen Kommunikation als Konkurrenz zu den immer gleichen Liturgien in den Kirchen und ihren Gemeinden. Es gibt in Prag an der Akademie der Wissenschaften tatsächlich eine Ort für spezielle Studien zur Bedeutung der Kneipen in Böhmen und Prag besonders: In den Studien des Soziologischen Instituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaften wird der Kneipenwirt (hospodský) oft in einer Rolle beschrieben, die dem eines Seelsorgers gleicht. Er hört zu, bewahrt Geheimnisse und gibt Ratschläge. Und der Gast des Stammtisches hält sich in seiner Kneipe wie in einem geschützten Bereich auf. Hrabal meint: In der Kneipe kann man für sich allein meditieren oder … wie auch mit der Menge der Gäste förmlich verschmelzen: Das frisch gezapfte Bier hat für Hrabal geradezu eine religiöse Bedeutung. In seinem Werk „Vita nuova“ beschreibt er eine Kneipe mit fast sakralen Worten: „Herr Ober, diese Ihre Gaststätte, das ist keine Spelunke, dieses Ihr Wirtshaus, das ist die (in Prag berühmte, CM) Betlehem-Kapelle, in der jeder Gast zu dem wird, was er einmal war oder sein wollte…“

14.
Man sollte eine Dialektik erkennen:
In diesem Hinweis werden die vom System zu Ketzern herabgewürdigten Menschen ihrerseits in gewisser Weise zu geistig bestimmenden Herrschern: Sie erklären für sich und ihre Gemeinden die Mehrheit der Herrscher des Systems zu Ketzern, zu Ketzern, die die Menschenrechte verraten und verachten. Es waren katholische Dissidenten, verfolgte Priester und Theologen, vom kommunistischen Regime Inhaftierte, die über die Zukunft des christlichen Glaubens nachdachten und geheim ihre Überlegungen als Samisdat (im Selbstverlag) publizierten. Wir erinnern hier nur Oto Madr, auch Josef Zverina würde viel Aufmerksamkeit verdienen. Diese vom Kommunistischen System zu Feinden, zu Ketzern, erklärten Intellektuellen, können ihrerseits die all-herrschenden Parteifunktionäre als Ketzer, nämlich als Feinde der Humanität, erkennen.

14. Die sterbende Kirche…
Der katholische Pfarrer Oto Mádr (1917 – 2011) wurde 1951 von den Kommunisten wegen „Spionage für den Vatikan“ verhaftet, bis 1966 saß er in Haft, danach organisierte er die geheime katholische Untergrund – Kirche. Er entwarf schon im Gefängnis das Bild einer Kirche, die sich unter den Bedingungen der Verfolgung nur auf das Wesentliche konzentriert. Berühmt wurde sein Zitat: „Die Kirche braucht wahrhaft geistliche Menschen, wenn sie in einer Situation der Bedrohung bestehen will. Sie kommt ohne Konsistorien (Kirchenbürokratien) aus, ja sogar ohne Bischöfe, ohne Schulen, Krankenhäuser und Presse…“ aus dem theologischen Essay „Ein Wort über diese Zeit“ (Slovo o této době) von Oto Mádr.. Den Text hatte er 1950 im Untergrund der Tschechoslowakei verfasste. https://www.oto-madr.cz/_d/01/struct/Oto-Madr_Wie-Kirche-nicht-stirbt.pdf
Oto Madr gründete 1978 die geheime Zeitschrift Teologické texty („Theologische Texte“) und war der wichtigste theologische Berater des Prager Kardinals František Tomášek.
Der weltweit bekannte katholische Theologe und Philosoph Tomas Halik in Prag hat sich in seinem Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ (Herder – Verlag, 2021) erneut mit seinem „großen Lehrer im Glauben“ Oto Madr (S. 97) auseinandergesetzt. Halik hat die provozierende These Madrs vom „Modus moriendi der Kirche“, von der Art und Weise des Sterbens der Kirche, aufgegriffen. Tomas Halik schreibt: „Ich bin davon überzeugt, dass nur ein Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich ein christlicher Glaube ist. Ich bin davon überzeug, dass nur eine Kirche, die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Kirche ist. Ich bin davon davon überzeugt, dass nur eine Theologien die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Theologie ist.“ (S. 96 f.).
Es wäre ein interessantes theologisches Thema: die Gefängnistheologie Dietrich Bonhoeffers („Widerstand und Ergebung“) und die Theologie der sterbenden Kirche Oto Madrs zu vergleichen. Das Thema Bonhoeffer und Madr wäre sehr „spannend“, Katharina Kunter schreibt in dem genannten Buch: In den evangelischen Kirchen“fand das von dem deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906 -1945) in Fragmenten überlieferte Konzept eines religionslosen Christentums und einer weltlichen Interpretation des Evangeliums große Resonanz. Bonhoeffers Briefe wurden sogar von der von Vaclav Havel gegründeten Samsidat- Reihe „Edition Expedition, (Edie Expedite) herausgegeben.“ (S. 733).
Wir können hier nur das sehr marginale Interesse in Deutschland an den vielfältigen Formen kirchlichen Überlebens unter der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei feststellen. Das gründliche „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München, 2009, bietet dazu ausführliche Informationen, die Studien sind aber eher für Spezialisten wichtig.

15. Die einsamen Trappisten von Novy Dvur
Angesichts der religiösen Desinteresses in weitesten Kreisen Böhmens werden christliche Minderheiten heute ihrerseits zu Ketzern gegenüber der herrschenden a – religiösen Kultur. Deutliches und sichtbares Zeichen dieser Form christlicher Ketzerei ist das Trappisten – Kloster in Novy Dvúr im Bezirk Karlovy Vary, Karlsbad. Es wurde 2011 feierlich eingeweiht: Die Trappisten sind Mitglieder des sehr strengen, absolut zurückgezogenen „Schweige – Ordens“, sie leisten keine Seelsorge in den Gemeinden, sie predigen nicht außerhalb des Klosters, ihnen ist die soziale Umgebung nicht wichtig. Von 3.15 Uhr nachts bis 19.30 abends beten die 20 Mönche alle drei bis vier Stunden in ihrer neu erbauten Kirche (Architekt: John Pawson). Zur bewussten radikalen Abgrenzung des Klosters von der Umgebung siehe Fußnote 2.
Das Trappisten Kloster befindet sich im Bistum Pilsen, von den dort 117.000 sich katholisch nennenden BewohnerInnen, nehmen weniger als 10.000 Katholiken an den Sonntagsmessen teil. Der Bischof Dr. Tomas Holub nennt etwa 15 bis 18 noch lebendige Pfarreien (von insgesamt 68) im Bistum, überall scheint Kirche, vielleicht auch das Christentum, zu sterben… LINK https://bistum-regensburg.de/news/schwierig-mit-der-kluft-zwischen-glaeubigen-und-nichtglaeubigen-zu-leben-der-pilsener-bischof-dr-tom-holub-ueber-die-katholische-kirche-in-tschechien-6389

Unsere ketzerische Frage ist also: Wenn die 20 Trappisten – Mönche in Novy Dvur völlig abgeschottet In der Einsamkeit leben: Ist das in gewisser Hinsicht eine Ketzerei .. angesichts der Situation im Bistum Pilsen? Dort könnten ja Theologen gebraucht werden, die in einen spirituellen Dialog mit den vielen Atheisten und Agnostikern der Umgebung eintreten…

16. Der Prager Kardinal Duka als Freund der Rechtspopulisten und Rechtsextremen:

Noch einmal das Grundsätzliche ganz kurz: Wir betrachten Böhmen als Land der Ketzer. Und wissen: Es sind immer die Herrscher, die aufmüpfige Minderheiten zu Ketzern erklären, also zu Leuten, die der Wahrheit, der Ideologie, des Herrschaftssystems widersprechen. Das ist entscheidend: Wir betrachten aber auch die Herrscher als Ketzer, und zwar aus der Sicht der Minderheiten: Sie sehen, wie stark die Herrscher von den allgemeinen, universell geltenden humanen Prinzipen abweichen. Es sind also vernünftige Minderheiten, die auch unter den Herrschern Ketzerisches, Falsches, wahrnehmen und dies explizit sagen.
Nach dieser allgemeinen Bemerkung zu einem umfassenderen Verständnis der Ketzer ein Hinweis zu aktuellen Ereignissen der katholischen Kirche in Tschechien. Darauf hat Professor Tomáš Petráček aufmerksam gemach in einem Vortrag am 5. Dezember 2023 für das „theologische Forschungskolleg“ an der Universität Erfurt. Tomáš Petráček, geboren 1972, arbeitet als katholischer Priester und Theologe am Institut für Kultur – und Religionswissenschaft an der Fakultät für Bildung der Universität Hradec Králove in Ostböhmen sowie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karls Universität in Prag. Zahlreich sind seine vielbeachteten Veröffentlichungen.
Der Vortrag ist wichtig, weil er nicht nur an die heftig – konservative Orientierung der katholischen Kirche in Tschechien seit 2012 erinnert. Sondern auch, weil Tomáš Petráček zeigt: Dass der damalige Kardinal von Prag, Erzbischof Duka aus dem Dominikanerorden, eng verbunden war mit dem damaligen Staatspräsidenten Milos Zeman „mit seiner schrillen antiliberalen Rhetorik und seine Sympathie für das chinesische und russische Regime“, so Tomáš Petráček in dem genannten Vortrag. Wichtiger noch: Kardinal Duka hielt enge Beziehungen zum damaligen Premierminister Andrej Babis, dessen politische Bewegung und deren Vertreter zu verschiedenen kirchlichen Festen eingeladen wurden …Die Bischofskonferenz kooperierte mit Babis bei der Besetzung wichtiger Gremien in den öffentlichen Medien mit umstrittenen Persönlichkeiten aus dem extremistischen Spektrum. Die offiziellen Glückwünsche Kardinal Dukas (wörtlich: „wir teilen viele gemeinsame Themen“) an den Rechtsextremen Tokio Okamura, den Führer der rechts-extremistischen Partei mit einer Agenda für den Austritt aus der EU und NATO, zu seinem Erfolg bei den Parlamentswahlen fanden ein breites Echo“, so katholische Theologe Prof. Tomáš Petráček. Der Dominikanerpater Dominik Duka (geb. 1943) war Erzbischof und Kardinal von Prag von 2010-2022, er ist 2025 gestorben. Dukas explizite Nähe zu rechtsextremen Führern und Parteien wird von kritischen kritischen Theologen als ketzerisch, als Abweichung von der Wahrheit des Evangeliums gedeutet werden müssen.

Kardinal Duka sowie weitere Bischöfe und Prälaten in Böhmen (und Tschechien) waren und sind stark verbunden mit den „militanten konservativen katholischen Laienbewegungen“ (so Prof. Tomáš Petráček) „Bewegung für das Leben“ und „Allianz für die Familie“. „Bischöfe nahmen an den Massenmärschen dieser Laien – Bewegungen teil… Die Vizepräsidentin der “Bewegung für das Leben“ ist Chefredakteurin einer Zeitschrift, in der regelmäßig Texte veröffentlicht werden, die das Pontifikat von Papst Franziskus von traditionalistischen Positionen aus heftig kritisieren oder in der vor Wahlen verbreitet wird: dass ein Katholik und Patriot nur die rechts-extremistische Partei SPD (Führer: Tomio Okamura, CM) wählen soll und darf“, so Prof. Tomáš Petráček. (Der Vortrag von 2023: LINK: https://www.theologie-und-kirche.de/petraczek-kirche-tschechien.pdf

In der Sicht der kritischen Theologen kann diese Bindung der Laienorganisation „Bewegung für das Leben“ an die Rechtsextremen nur als Häresie, als Ketzerei, bewertet werden, wenn man denn noch die humane Botschaft des Evangeliums Jesu von Nazareth als Maßstab anerkennt.
Diese Kleriker und diese Laienbewegungen wollen die katholische Kirche ins Getto führen bzw. bei den Verhältnissen in Böhmen weiterhin im Gebot belassen. Die Zukunft dieser Getto – Kirche ist klar.
Und auch das noch: Der Vorsitzende der tschechischen Bischofskonferenz gratulierte am 5.10.2025 dem rechtspopulistischen Politiker und Milliardär Babis zu seinem Sieg auch als Ministerpräsident (als solcher zum zweiten Mal) LINK: https://www.vaticannews.va/de/welt/news/2025-10/tschechien-katholische-kirche-gratuliert-babis-zum-wahlsieg.html…

17. Der demokratrische Widerstand durch Mikulas Minar 
Wir müssen bei unserem Thema auch vom jetzt wieder machtvollen rechtsradikalen Populismus in Tschechien sprechen und dabei an Mikulas Minar (geb. 1993) erinnern, an einen der wichtigen demokratischen Aktivisten mit seiner starken Organisation „Eine Million Augenblicke für Demokratie“…: Mikulas Minar sagt Nein zur Herrschaft des rechten Populismus – im Namen der Demokratie und der Menschenrechte. Von diesem normativen Standpunkt aus erscheinen diese Parteiführer als Ketzer, als Häretiker im Umgang mit den Menschenrechten… Auf der Buchmesse in Frankfurt wird Minar nicht vertreten sein (Stand 29.9.2026).

Die demokratische Bewegung „Eine Million Augenblicke für Demokratie“ organisiert Massen-Demonstrationen, sie setzt sich für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit der Medien und die Integration Tschechiens in Europa ein. Schon einmal, 2020, hatte Minar Massen – Proteste gegen den sehr rechten Populisten Andrej Babis organisiert. Bei den Parlamentswahlen 2025 hatte Babis und seine rechtspopulistische ANO – Partei fast 35 Prozent der Stimmen erhalten. Der bekannte, explizite rassistische Politiker Timo Okamura von der rechtsextremen Partei (SPD) wurde Parlaments-Präsident.
Im Jahr 2025 gab Mikulas Minar ein Interview für eine Veröffentlichung des Goethe – Instituts in Prag: https://www.goethe.de/prj/jad/de/ges/26983 , es ging um Umfeld der damals bevorstehenden Wahlen um die Frage: Was würde es bedeuten, wenn ANO, die Partei von Babis, die Wahl gewinne: Minar antwortet u.a.:
„Der erste und vielleicht wichtigste Punkt ist, dass der Premierminister eines Landes ein Vorbild dafür ist, was als normal gilt. Aber ich halte es nicht für normal, dass ein Land von jemandem geführt wird, der falsche Schwüre auf das Wohlergehen seiner Kinder ablegt, wiederholt lügt, seine Meinung nach Bedarf ändert und dabei seine eigene Vergangenheit als Agent der Staatssicherheit leugnet. Das vermittelt den Leuten den Eindruck, es wäre in Ordnung so; das Leben wäre ein Dschungel, wo derjenige gewinnt, der die anderen überlisten kann. Das verzerrt den Charakter der Gesamtgesellschaft und die Seele der Nation.
Der zweite Punkt betrifft das System. Ich fürchte, dass Babiš wieder darum bemüht sein wird, die öffentlich-rechtlichen Medien zu kontrollieren und seinen Einfluss auf die öffentlichen Gelder zu erweitern. Es kann auch passieren, dass er erneut versuchen wird, Macht zu kumulieren und die demokratischen Institutionen zu schwächen – wie er es früher schon getan hat. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass die tschechische Zivilgesellschaft ihm das nicht erlauben wird.“ Nun regiert der rechtsextreme Milliardär Babis….

18.
„Böhmen – das Land der Ketzer“: Wir haben gesehen: Es gibt Ketzer, die vom herrschenden politischen und kirchlichen System ausgegrenzt und verfolgt werden, weil sie für die ursprünglich einmal vorhandene Humanität dieser Systeme (etwa: das Evangelium Jesu Christi) eintreten. Und es gibt andererseits Ketzer, die mit Gewalt ihr ideologisches System durchsetzen, das bewusst und ganz offen gegen die universellen Menschenrechte gerichtet ist. Diese Leute und ihre Parteien gelten also auch als Ketzer … für Demokraten. Die Demokraten folgen für ihr Urteil der universellen Norm der Menschenrechte: Diese wahre Norm lehrt das Unterscheiden.

Fußnote 1:
Pavel Hošek: The Gospel according to Bohumil Hrabal. Übersetzung eines Pressetextes aus dem Englischen:
„Das literarische Werk von Bohumil Hrabal zählt zu den bedeutendsten Errungenschaften der tschechischen Kultur des 20. Jahrhunderts. Es wurde in Dutzende Sprachen übersetzt und diente als Vorlage für eine lange Reihe von Spielfilmen und Theateradaptionen. In vielen Ländern der Welt ist Hrabal der bekannteste tschechische Schriftsteller. Seine Bücher wurden aus vielen verschiedenen Blickwinkeln interpretiert, doch die spirituelle Dimension von Hrabals Denken und Werk wurde bislang noch nicht gründlich erforscht. Dabei bilden spirituelle Motive und heilige Symbole einen wichtigen Bestandteil von Hrabals literarischer Spiegelung der Welt. Kürzlich wurden Aufnahmen von Hrabals Adventspredigten in Libice nad Cidlinou entdeckt. Diese Aufnahmen werfen ein völlig neues Licht auf die spirituelle Dimension seines Denkens und Schaffens. Das Buch „Das Evangelium nach Bohumil Hrabal“ basiert auf diesen neu gefundenen Materialien und bietet eine umfassende Deutung der spirituellen Dimension des literarischen Schaffens eines der größten tschechischen Schriftsteller.“

Fußnote 2:
Die rigorose Abwendung von der Welt durch die Mönche eines Klosters in Böhmen: Aus der Website: https://www.novydvur.cz/de/p-167/p-332/. Gelesen am 16.9.2026:
„Die Abtei Nový Dvůr ist nicht für jedermann zugänglich. Das wäre mit dem Klosterleben unvereinbar. Das Geschäft an der Pforte ist für einige Stunden pro Woche, und zwar am Wochenende, geöffnet. Die Kirche ist während der Gottesdient für alle geöffnet, die mit den Mönchen beten möchten. Mit Ausnahme des Bereichs beim Gästehaus sind die Bereiche um das Kloster den Mönchen vorbehalten. Das Kloster steht weder Touristen noch Architekturstudenten offen. Die Touristen kommen, um zu „sehen“, aber das Wesentliche unseres Lebens zählt nicht zu den Dingen, die man „sehen“ kann.
„Die Klöster des kontemplativen Lebens bieten sich als »Oasen« an. […] Diese scheinbar nutzlosen Orte sind daher im Gegenteil so unentbehrlich wie die »grüne Lunge« einer Stadt: Sie tun allen gut, auch denen, die sie nicht besuchen oder nicht einmal etwas von ihrer Existenz wissen.“
„Selbst wenn kein Zeuge von unserer Gegenwart Kenntnis nimmt, so dämmen die Mönche durch die Bekräftigung der Transzendenz Gottes mittels einfacher Handlungen wie dem persönlichen Gebet und dem Gottesdienst die Gleichgültigkeit und den Atheismus ein, lassen die Verfolgung verstummen, kämpfen gegen Gewalt jeder Art, bringen Frieden in die gemarterten Herzen, lassen zerrissene Familien zu neuer Einheit finden; die Liste ist endlos. Wer an die Mauern eines Klosters stößt, ohne es betreten zu dürfen, wird bisweilen beeindruckt von der Existenz dieser Mönche, die er nicht „sehen“ konnte, wieder scheiden. Er wird den Wert ihres einsamen Lebens und ihrer inneren Sammlung erahnen. Indem wir davon absehen, uns gehetzten Besuchern zu zeigen, helfen wir ihnen durch unsere bewusste Zurückhaltung mehr, als wenn wir ihre Neugier befriedigen würden. Wenn jemand sich schwertut, den Sinn dieser Überlegungen zu begreifen, der möge sich davon überzeugen, dass unsere Berufung auch für uns selbst bisweilen schwer zu verstehen und zu akzeptieren ist.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Aktualisiert am 12. Oktober 2026 durch CM